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Madita Oeming: Digitale Aufklärung

Madita Oeming mit langen braunen Haaren trägt ein helles Sakko und ein rotes Oberteil vor hellem Hintergrund
Foto: Paula Winkler

MADITA OEMING ist für Eltern das Äquivalent zu Dr. Sommer 2.0 – die Kultur- und Sexualwissenschaftlerin kennt all die Gefahren und Abgründe, die Kinder und Eltern im digitalen Alltag trennen können.

Madita, wenn diese glow-Ausgabe erscheint, steht Ostern vor der Tür und es werden zu
diesem Anlass garantiert Smartphones verschenkt. Holen sich Eltern damit ohne besseres Wissen automatisch Probleme ins Haus?

Also grundsätzlich ist die Frage, ob ein Kind für ein Handy bereit ist oder nicht, eine individuelle. Das hängt nicht nur vom Alter, sondern vor allem von der Entwicklung ab. Und eben auch von den Kapazitäten, die die Eltern haben, die digitale Nutzung zu begleiten. Ich glaube, dafür fehlt Eltern manchmal noch das Bewusstsein, dass das nicht nur eine Aufgabe für das Kind ist, sondern eben auch für sie. Für mich ist dieser Zeitpunkt aber ein super Moment, weil man als Erwachsener in einer großartigen Verhandlungsposition ist. Das Kind möchte etwas, was ich erfüllen kann, und dann kann man miteinander Absprachen treffen, wie es dieses Gerät nutzt und wie man es dabei begleitet, indem man zum Beispiel darüber spricht, welche Apps installiert und für welche Nutzung freigegeben werden.

Bräuchten Eltern deiner Meinung nach eine digitale Vorbildung für dieses Gespräch, weil oftmals nur die Nutzungsdauer, nicht aber die Inhalte im Mittelpunkt stehen?
Es ist tatsächlich so, dass oftmals der Fokus auf der Bildschirmzeit liegt und das auch nicht zu Unrecht. Natürlich muss man die im Blick behalten. Aber teilweise wird falsch eingeschätzt, auf welchen Plattformen welche Gefahren warten. Insbesondere die Kontaktaufnahme durch fremde Erwachsene wird noch zu häufig unterschätzt. Hinzu kommt, dass durch Gleichaltrige Grenzverletzungen passieren. Also selbst dann, wenn ich nur mit Menschen in Kontakt bin, die ich auch aus meiner Klasse oder aus dem Sportverein kenne. Es gibt keine Garantie dafür, dass ich von denen nicht auch mit Inhalten konfrontiert werde, die mich als Kind oder Jugendlichen emotional herausfordern.

Madita Oeming mit langen braunen Haaren trägt roten Blazer und helles Oberteil steht seitlich an einem Fenster
Foto: Paula Winkler

Wenn Eltern die Gefahren im Digitalen nach dem Motto kleinreden wollen: „Ach, wir haben uns früher auch unsere Wege gesucht, um an Nacktheit oder Sexbilder zu gelangen – und wenn es nur Dr. Sommer in der Bravo war, jetzt passiert das halt im Internet“. Was entgegnest du?
Nacktheit an sich ist für mich erstmal ein untergeordnetes Problem unter den Online-Risiken. Es kommt darauf an, wie die Nacktheit gestaltet ist. Sind das verstörende oder gewaltvolle Bilder? Besonders dann brauchen Jugendliche vielleicht Unterstützung bei der Einordnung. Da gibt es Unterschiede. Und das eine ist der Bereich der Inhaltsrisiken: Pornographie und so weiter. Aber das andere sind die Interaktionsrisiken. Was passiert im digitalen Austausch mit anderen? Hier sind meiner Meinung nach die höheren potenziellen Folgeschäden auszumachen, die aber immer noch unterschätzt werden. Dazu kann das sogenannte Cybergrooming gehören, also die Annäherung von Erwachsenen an Kinder mit Missbrauchsabsicht. Oder Sharegewalt, also wenn einvernehmliche Sexting-Inhalte weitergeteilt werden. Oder alles, was unter dem Begriff Cybermobbing kursieren würde, dazu können zum Beispiel sexualisierende Deepfakes, also per KI manipulierte Inhalte, zählen.

»Nacktheit an sich ist für mich erstmal ein untergeordnetes Problem.«

Sollte man als Eltern die digitale Pubertät dementsprechend auf zwei Ebenen betrachten? Zum einen als das Entdecken von sexuellen Inhalten, die über das Medium Internet verfügbar sind. Das wäre eine aktive Handlung des Kindes. Und den Gefahren, denen es durch das Internet ausgesetzt wird, weil es digital angreifbar wird – bis hin zu den von dir genannten Deepfakes?
Es gibt hier einen großen Unterschied: Ob ich auf Bilder oder Videos stoße, die mich vielleicht irritieren, wo ich Hilfe bei der Einordnung brauche. Aber da geht es um mir unbekannte Personen. Das ist eine Sache. Aber wenn Bilder oder Videos online kursieren, auf denen ich zu sehen bin – sei es reales oder künstlich generiertes intimes Material – das ist eine Belastung auf einer ganz anderen Ebene, weil mir jemand öffentlich schaden möchte. Das ist Mobbing und hat großes psychisches Belastungspotential.

Madita Oeming mit schulterlangem Haar trägt orangefarbenes Oberteil und hellen Blazer lehnt an Geländer in hellem Raum
Foto: Paula Winkler

Stehen Eltern heutzutage vor der Herausforderung, dass es eine doppelte Vertrauensbasis braucht – einmal, dass ihre Kinder mit „normalen“ Fragen der Sexualität zu ihnen kommen, und dann noch im Falle dieser digitalen Übergriffe, bei denen die Scham vielleicht als noch größer empfunden wird?
Die Herausforderung bei der digitalen Sexualität und auch bei den negativen Erfahrungen, die dabei gesammelt werden, ist zweigleisig. Auf der einen Seite die Vertrauensbasis, per se über Sexualität mit den Eltern sprechen zu können. Dass klar ist, dass dieses Thema zu Hause erlaubt ist. Dass das Kind überhaupt sprachfähig ist und weiß, es wird nicht beschämt. Und auf der anderen Seite steht der Austausch über den digitalen Alltag. Dafür muss ein Kind sicher sein: Meine Eltern verstehen, warum mir Online-Welten wichtig sind, und sie nehmen meine Erfahrungen im Internet grundsätzlich ernst. Ein wichtiger Grund dafür, dass Jugendliche sich nicht mitteilen und negative Erlebnisse lieber verschweigen, ist, dass sie Angst haben, dass ihnen das Handy weggenommen oder eine bestimmte App gelöscht wird. Daher sollten Eltern klarstellen: Wir bestrafen dich nicht für deine schlechten Erfahrungen. Kindern ist eine digitale Lebenswelt wichtig und es hilft nicht, wenn sie von ihren Eltern hören: Du machst da nur Quatsch. Du daddelst den ganzen Tag nur rum. So fühlen sie sich nicht dazu eingeladen, Negatives zu teilen, weil das Thema vorbelastet ist.

Jetzt haben wir nur über die Dynamik in der Familie gesprochen, aber wo sollte dieses Thema sonst noch stattfinden?
Für mich gehört das Thema dringend in die Schule. Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass das, was ich als sexuelle Medienkompetenz bezeichne, zwingend zuhause vermittelt wird. Natürlich ist das der Ort, wo Eltern am schnellsten selbst aktiv und wirksam werden können, und jeder kann sich vorstellen, wie lange es braucht, dass sich in Lehrplänen oder gar in der Gesetzgebung etwas ändert. Daher appelliere ich in erster Instanz immer an die Eltern. Ich will damit aber nicht sagen, dass es ihre alleinige Verantwortung ist. Wir sprechen hier von einem gesamtgesellschaftlichen Bildungsauftrag, was den digitalen Alltag betrifft, und der Aspekt der digitalen Sexualität ist bislang einfach eine große Leerstelle innerhalb dieses Themenkomplexes.

Zur Person

Madita Oeming geboren 1986 in Bonn, ist eine deutsche Kulturwissenschaftlerin, Aktivistin und Autorin, die Pornografie in all ihren Teilbereichen als kulturelles Phänomen untersucht. Sie forscht, publiziert und lehrt zu Medienkompetenz, gesellschaftlichen Diskursen und sexualpädagogischen Themen.

Kind sitzt mit verschränkten Beinen in Jeans und orangefarbener Kapuzenjacke und hält ein Smartphone in den Händen
Madita Oeming
AUFGEKLÄRT STATT AUFGEREGT
Rowohlt Polaris | 240 Seiten | 18,00€

Als Grundlagenlektüre sei dieses Buch allen Eltern empfohlen, die sich bislang nicht oder nur wenig mit den Gefahren und Schattenseiten des digitalen Alltags ihrer Kinder beschäftigt haben. Unaufgeregt führt Oeming sie durch alle relevanten Themenfelder.