In Lügen über meine Mutter übernimmt Schauspielerin Rosalie Thomass nicht nur die Hauptrolle der Cornelia, sondern sie hat auch das Drehbuch geschrieben. Im Interview erzählt sie, wie sie den persönlichen Roman von Daniela Dröscher mit eigenen Interpretationen adaptiert hat. Außerdem verrät sie, wofür sie ihre eigene Mutter bewundert, was sie antreibt – und von Frischhaltefolie in Fitnessstudios.
Rosalie, was hat dich an Daniela Dröschers Roman so berührt, dass du ihn als Film erzählen wolltest?
Was mich umgehauen hat, war die Perspektive, die sie als Erzählerin einnimmt: Sie ist in der Betrachtung ihrer Mutter zwar schonungslos, aber gleichzeitig liebevoll zugewandt. Die Erzählerin ist so reflektiert, dass sie das System betrachten kann, in dem ihre Mutter versucht hat, eine Mama zu sein. Das ist ein Lebensthema, das mich beschäftigt.
Inwiefern?
Wir Frauen werden fast dazu erzogen, über unsere Mütter zu meckern und zu benennen, welche Fehler sie gemacht haben. Wir werden aber nicht dazu erzogen, den Gesamtzusammenhang zu betrachten. Als ich Mutter wurde, habe ich mich gefragt, wie meine Mama das alles hinbekommen hat. Ich konnte verstehen, dass vielleicht nicht alles super war, was meine Mama gemacht hat, aber dass es Anerkennung verdient, dass sie einfach da war. Trotz aller Umstände, Widrigkeiten und Schwierigkeiten. Sie war da. Das hat mich sehr bewegt.

Womit hatte deine Mutter zu kämpfen?
Wenn wir beim Thema des Romans bleiben wollen: Sie hat jeden Tag eine neue Problemzone an sich gefunden. Das war faszinierend, weil sie unglaublich schön war. Ich weiß von meiner Mama, dass es mit den Diäten der 80er Jahre wirklich war wie in unserem Film. Wahnsinn, was Frauen da erzählt wurde. Trennkost, Reis-Diät, die Habermus-Diät, Atkins und später Metabolic Balancing. Ich staunte, als sich die Frauen in dem Sportstudio, in dem meine Mutter war, die Oberschenkel unter der Sporthose mit Frischhaltefolie eingewickelt haben, damit sie mehr Fett ausschwitzen.Ich saß mit elf Jahren in der Umkleidekabine und dachte: So weit darf man es nicht kommen lassen! Gesellschaftlich betrachtet sind Mütter immer noch strukturell benachteiligt, werden ständig beurteilt und ihre unsichtbare Arbeit nicht wertgeschätzt. Ich würde mir wünschen, dass wir als Töchter also eher die Frage stellen: „Manches war für mich nicht in Ordnung – aber wie war es eigentlich für dich, Mama?“
Haben die Kämpfe deiner Mutter dich als Jugendliche sehr beschäftigt?
Diesen Mechanismus der Unterdrückung, den konnte ich als Jugendliche erkennen: Man vermittelt der Frau, dass etwas mit ihr nicht stimmt, um sie letztlich klein zu halten. Die Sehnsucht, selbst zu entscheiden, wie ich mich in meinem Körper fühle, egal wie er auf einer beliebigen Skala bewertet wird, die hatte ich schon immer. Und ich entscheide das auch schon lange selbst. Das war aber durchaus Arbeit.
Wie wurdest du von außen beurteilt?
Seit ich diesen Beruf mache, war es zum Beispiel „falsch“, dass ich so groß bin, und es war immer wieder Thema, dass es so schwer sei, mich einzukleiden. Es wird immer etwas bemängelt: „Du hast ja ein breites Kreuz!“ oder „Du hast ja große Füße!“ Ich frage mich: Würde man das eigentlich einem Mann auch so sagen? Ich hatte immer einen Widerstand in mir, weil es ohnehin so subjektiv ist, wie wir einen Körper wahrnehmen – wieso sollte er dann so wichtig sein? Ich empfinde es mittlerweile als einen zutiefst freudvollen Akt der Revolution, mich dem zu entziehen und meine Energie in andere Dinge zu investieren.

Das ist in deiner Branche sicherlich gar nicht so leicht.
Letztlich entscheide ich, ob ich ein Croissant esse oder nicht, ob ich Proteine abwiege oder vor einem Dreh nochmal sieben Kilo abnehme. Wenn ich könnte, würde ich gar nicht mehr darüber sprechen und auch nicht darüber nachdenken. Mein Körpergefühl unterliegt zwar Änderungen – ich meine: ich bin eine Frau, lebe mit einem Zyklus und habe vier verschiedene Körper im Monat –, aber ich bleibe dabei, dass ich die Entscheidungsgewalt darüber habe, wie ich mich in diesem Körper fühle. Das wird nicht von außen beeinflusst, das lasse ich nicht mehr zu.
Inwiefern sind deine persönlichen Perspektiven in den Film eingeflossen?
Meine Perspektive auf diese Geschichte ist gefärbt durch mein Erleben, durch meine Mama, meine Geschichte als Tochter, meine Familienkonstellation und durch meine Kritik an der Idee von „Männlichkeit“.
Die Frischhaltefolie taucht aber nicht auf.
Nein! Aber was im Film beispielsweise anders als im Roman und eine Schlüsselszene für mich ist: Der Moment, in dem die Figur der Cornelia versucht, sich über das Tanzen zu befreien. Ich habe beim Lesen des Romans bei Cornelia eine Sehnsucht gespürt, sich körperlich auszudrücken, Raum zu haben und einfach existieren zu dürfen. Ich habe also nach einer filmischen Übersetzung gesucht.
Cornelia tanzt im Film ausgerechnet zum Song Männer von Herbert Grönemeyer.
Ich war sehr glücklich und stolz, dass Herbert Grönemeyer uns die Rechte für den Song gegeben hat und die Band Principess dieses kraftvolle Cover produziert hat. Ich hatte Grönemeyer per Brief erklärt, warum dieser Song so wichtig für diesen Moment im Film ist. Irre, wie zeitlos dieser Song von 1984 leider ist. Grönemeyer hat damals schon gut formuliert, was das Problem an der Idee von Männlichkeit ist.
Im Film sind es die Männlichkeitsideale, denen Cornelias Mann, Werner, nacheifert und die dafür sorgen, dass Cornelia mit ihrer dementen Mutter und zwei Töchtern zuhause verzweifelt. Es ist eigentlich alles zum Weglaufen, aber sie bleibt.
Da steckt auch mein persönliches Anliegen drin, diese Dynamik sichtbar zu machen. Es werden noch so viele Frauen durch Mutterschaft strukturell stark eingeschränkt – das müssen wir gesellschaftlich ändern. Vielleicht hätten dann auch wieder mehr Frauen Bock auf ein Kind? Dieses Bleiben ist für mich eine weibliche Heldenhaftigkeit, nicht immer ist sie frei gewählt. Irgendwo zwei Kinder zu haben und diese selten zu sehen, das ist ein männliches Privileg. Wir verurteilen Väter nicht einmal dafür, wenn sie einfach gehen. Am Ende bleibt meistens die Frau und macht den Job, so gut sie kann. Natürlich nicht ohne Fehler, aber sie ist da. Für diese Frauen ist der Film.
Was sollen Zuschauer:innen aus dem Film mitnehmen?
Ich habe schon viele Reaktionen bekommen: Viele spüren Wut, darüber freue ich mich wahnsinnig. Wut ist ein super Gefühl, weil es nach außen geht und nicht nach innen. Es ist kraftvoll. Jemand hat mir gesagt, sie möchte ihre Mama anrufen und sich bedanken. Das hat mich sehr berührt. Eine andere möchte dringend über ihre Ehe nachdenken. Darüber freue ich mich natürlich auch. Ich hoffe, dass viele Frauen sich selbst oder ihre Schwestern, Mütter und Freundinnen wiedererkennen und sich repräsentiert fühlen. Und ich würde mir wünschen, dass wir diese vermeintliche Selbstverständlichkeit, dass eine Frau zu Hause den Laden schmeißt, aus dem verschlossenen Kleinfamilienhaus herausholen und sichtbar machen, was das für eine reale Arbeit ist. Das hat mich angetrieben.
„Dieses Bleiben ist für mich eine weibliche Heldenhaftigkeit, nicht immer ist sie frei gewählt.“
Es hat sich seit den 80er Jahren also nicht viel geändert?
Nein! Ich kann es in meinem Umfeld beobachten. Der Mann in der Geschichte sucht sich den Körper seiner Frau aus, weil das eine Schwachstelle ist. Man kann sich aber auch etwas anderes aussuchen und seine Frau klein halten, indem man etwa die Finanzen komplett überwacht. Das Instrument für Macht und Kontrolle ist variabel, das Prinzip immer gleich: sich klein zu fühlen und sich größer machen zu müssen, indem man die andere Person erniedrigt und ihr sagt, dass sie etwa nichts kann – oder abnehmen muss. Und ich bin wirklich bewegt, wie viele Frauen mir bereits nach dem Trailer schreiben, dass sie sich in dem Körperthema wiederfinden, gerade nach Schwangerschaft und Geburt.

Gab es eine Szene, die dir als Schauspielerin besonders schwergefallen ist?
Die schlimmste Szene war für mich, als Werner sagt: „Ich weiß jetzt, was du hast: Adipositas!“ Da habe ich beim Drehen gemerkt, dass ich keine Gegenwehr mehr habe. Ich dachte in der Szene: Ja, er hat recht.
Hast du deshalb sogar Antipathien gegenüber Werner, dem Schauspieler Golo Euler, entwickelt?
Nein, absolut nicht. Golo und ich sind schon lange befreundet, wir haben viele Filme zusammen gemacht. Ich fühle mich sehr sicher mit ihm und würde ihn privat als außergewöhnlich angenehmen Menschen bezeichnen, der sehr stabil in seiner Männlichkeit ist. Nach der genannten Szene habe ich ihm gesagt, dass es mir gerade schlecht geht. Ihm ging es ähnlich. Wir hatten deshalb die Verabredung, dass wir uns zwischendurch umarmen, um aus den Figuren und ihrer Schwere rauszukommen.
Wie schwer ist es, so eine intensive Rolle wieder abzulegen?
Es war in diesem Fall schwerer als sonst, ein längerer Prozess. Ich habe einen Abschiedsbrief an Cornelia geschrieben und ihr Mut gemacht, dass sie es ab hier ohne mich schafft, und ich auch ohne sie. Das mag etwas verrückt klingen, aber ich habe immer eine enge emotionale Bindung zu meinen Figuren – in diesem Fall besonders. Durch die lange Zeit des Schreibens war es anders als sonst. Ich konnte die Figur nicht einfach von der Klippe stoßen, ich musste sie ein bisschen nachbetreuen.
Zur Person
Rosalie Thomass, geboren 1987, wuchs in München auf und spielte schon in jungen Jahren Theater. Sie war in zahlreichen TV- und Kinofilmen zu sehen, etwa Die Känguru-Chroniken und Jagdsaison, und erhielt mehrere Auszeichnungen. Seit kurzem spielt sie außerdem Hauptkommissarin Emilia Rathgeber, die im Franken-Tatort an der Seite von Fabian Hinrichs (Felix Voss) ermittelt. Thomass lebt mit ihrem Mann, Regisseur Aron Lehmann, und ihren zwei Kindern in München.


Ab 08.10. im Kino | 1 Std. 46 Min.
Unter der Regie von Thomass‘ Ehemann Aron Lehmann spielt Lügen über meine Mutter in der westdeutschen Provinz der 80er Jahre. Mutter Cornelia wird von Ehemann Werner auf ihr Gewicht reduziert, der dieses sogar für sein eigenes Versagen verantwortlich macht. Tochter Ela sitzt zwischen den Stühlen und erzählt vom tragischen Kampf um Selbstbestimmung und Würde.

