Mit seinem „Endometriose-Balance-Plan“ will Internist und Ernährungsmediziner Dr. med. Matthias Riedl Frauen, die unter starken Regelschmerzen, Unterleibsbeschwerden und Endometriose leiden, zu mehr Lebensqualität verhelfen. Dabei geht es um einen ganzheitlichen Ansatz mit alltagstauglichen Veränderungen. Im Interview wird deutlich, wie viel wir mit unserer Ernährung selbst bewirken können.
Matthias, in deinem Buch lieferst du Endometriose-Betroffenen nicht nur Tipps gegen starke Regelschmerzen und Krämpfe, sondern auch Rezepte. Wie beeinflusst die Ernährung die Erkrankung?
Ernährung kann die Erkrankung zwar nicht heilen, aber ein wichtiger Baustein sein, um die Lebensqualität von Betroffenen deutlich zu verbessern. Endometriose geht oft mit chronischen Entzündungen, oxidativem Stress und Darmbeschwerden einher. Genau hier kann eine angepasste Ernährung ansetzen, indem sie dazu beiträgt, Entzündungsprozesse zu reduzieren, Verdauungsbeschwerden wie Blähungen oder Verstopfung zu lindern und das Energielevel zu verbessern. Wichtig ist aber: Es gibt nicht die eine Endometriose-Diät. Jede Frau reagiert individuell.
Welche Lebensmittel sollten Betroffene meiden und welche tun dagegen gut?
Pauschale Verbote gelten nicht, aber es gibt durchaus Lebensmittel, die Beschwerden verstärken können. Dazu zählen stark verarbeitete Produkte mit vielen gesättigten Fettsäuren, also rotes und verarbeitetes Fleisch, zuckerreiche Lebensmittel und größere Mengen Alkohol. Auch Koffein oder histaminreiche Lebensmittel sollten lieber reduziert werden. Zu empfehlen sind dagegen fetter Seefisch wie Lachs oder Makrele, pflanzliche Omega-3-Quellen wie Leinsamen und Walnüsse, Beeren, grünes Blattgemüse, Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte. Vor allem ballaststoffreiche Lebensmittel können den Östrogenstoffwechsel positiv unterstützen.
Viele Frauen stecken in einem fordernden Alltag, der größere Veränderungen nur bedingt zulässt. Wie umfangreich sollte die Ernährungsumstellung ausfallen?
Kleine, alltagstaugliche Schritte reichen oft schon. Zum Frühstück eingeweichte Haferflocken mit Joghurt, Beeren und ein paar Nüssen statt Fertigmüsli. Mittags Fisch oder Hülsenfrüchte mit viel Gemüse. Als Snack einen Apfel mit Mandeln statt Schokoriegel. Entscheidend ist die Kontinuität über Wochen und Monate, nicht die perfekte einzelne Mahlzeit. Und ein Stück Pizza oder Kuchen zwischendurch sind völlig in Ordnung. Starrer Verzicht erzeugt Stress, und Stress kann wiederum Entzündungen fördern. Die Rezepte in meinem Buch sind unkompliziert, sodass sie sich auch für einen herausfordernden Alltag eignen.
Rezept 1: Karotten-Birnen-Porridge
Ein extra bekömmliches Frühstück: Möhren und Birnen sind sanft zur Verdauung und helfen, Blähungen zu reduzieren – cremig, süß und einfach wohltuend.
Was du brauchst:
(für 2 Personen)
- 2 Möhren
- 1 Birne
- 500 ml ungesüßter Mandeldrink
- 80 g kernige Haferflocken
- 2 EL Agavendicksaft
- 1 EL Chiasamen
- 1 Prise Salz
- 1⁄2 TL Ceylonzimt
- 1 Prise Vanille
- 1 Prise Piment
- 1⁄2 Bio-Orange
Wie es geht:
- Die Möhren waschen, schälen und raspeln. Die Birne vierteln, das Kerngehäuse entfernen und die Birne in kleine Stücke schneiden.
- Den Mandeldrink in einem Topf erhitzen, die Haferflocken dazugeben und köcheln lassen, bis die gewünschte Konsistenz erreicht ist. Anschließend Agavendicksaft, Chiasamen, Salz, Zimt, Vanille und Piment unterrühren.
- Die Orange heiß abwaschen und halbieren. Den Saft auspressen, das Porridge in zwei Schalen füllen, mit Orangensaft beträufeln und etwas Orangenschale darüberreiben.
- Zum Servieren mit den frischen Birnenstückchen garnieren.

Rezept 2: Kichererbsenriegel mit Kokos und Schoko
Was du brauchst:
- 240 g Kirchererbsen (Glas/Dose)
- 100 g Zartbitterschokolade (85%)
- 100 ml Kokosmilch
- 1 EL Mandelmus
- 1 EL Chiasamen
- 1 TL Kokosraspeln
- 2 EL Agavendicksaft
- Meersalz
Wie es geht:
- Backofen auf 180 °C vorheizen, Blech mit Backpapier belegen.
- Kichererbsen abbrausen, abtropfen lassen und auf dem Blech verteilen, dann ca. 30 Min. rösten.
- Zartbitterschokolade hacken, im Wasserbad mit Kokosmilch und Mandelmus schmelzen.
- Schokolade vom Wasserbad nehmen, langsam Chiasamen, Kokosraspel und Agavendicksaft einrühren.
- Die Kichererbsen unter die Masse heben, in Müsliriegelform füllen, mit Meersalz bestreuen und mind. 1 Std. einfrieren, anschließend Riegel vorsichtig auslösen.
Im Kühlschrank bis 7 Tage haltbar.

In welchen Fällen macht eine zyklusangepasste Ernährung Sinn – und wie gelingt sie?
Cycle Syncing wird gerade viel diskutiert, die wissenschaftliche Evidenz dafür ist aber noch begrenzt. Trotzdem berichten viele Frauen, dass sie von leichten Anpassungen profitieren – etwa von eisenreichen Lebensmitteln während der Menstruation, um Blutverluste auszugleichen, oder magnesiumreichen Lebensmitteln bei Krämpfen. Wer das ausprobieren möchte, kann sich an den Zyklusphasen orientieren und in der Menstruationsphase etwa auf eisenreiches Gemüse und Hülsenfrüchte setzen. Auch die Histaminzufuhr während und um die Periode herum kann eine Rolle spielen. Die Basis sollte aber immer eine durchgehend ausgewogene Ernährung über den gesamten Zyklus sein.
Welche Auswirkungen hat Ernährung generell auf den weiblichen Hormonspiegel?
Die Ernährung und der Hormonhaushalt hängen enger zusammen, als viele denken. Ballaststoffreiche Kost unterstützt zum Beispiel die Ausscheidung von Östrogen über den Darm. Ein stabiler Blutzuckerspiegel wirkt sich positiv auf Heißhunger und Energielevel aus, was indirekt auch das hormonelle Gleichgewicht unterstützt. Und ein ausreichender Vitamin-D-Spiegel ist relevant, weil ein Mangel mit einem erhöhten Risiko für entzündliche Prozesse verbunden ist, die wiederum hormonell mitgesteuert werden. Die Ernährung ersetzt keine Hormontherapie, aber sie kann das System spürbar unterstützen.
„Das, was auf dem Teller landet, ist bei vielen chronischen Erkrankungen ein unterschätzter Hebel.“
Als Ernährungsmediziner beschäftigst du dich auch über Endometriose hinaus mit der Frage, welchen Einfluss Ernährung auf unheilbare Krankheiten hat. Wie viel können wir mit dem, was wir täglich verzehren, bewirken?
Das, was auf dem Teller landet, ist bei vielen chronischen Erkrankungen ein unterschätzter Hebel. Die Krankheit selbst ist nicht heilbar, aber begleitende Entzündungsprozesse, Verdauungsbeschwerden und das allgemeine Energielevel lassen sich über die Ernährung positiv beeinflussen. Besonders relevant ist das bei Erkrankungen mit entzündlicher Komponente, neben Endometriose etwa auch bei Rheuma, Arthritis, Diabetes Typ 2 oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Ernährung ist dabei immer ein Baustein in einem größeren Behandlungskonzept, kein Ersatz für Diagnostik oder Therapie. Wer jedoch an den richtigen Stellschrauben dreht, kann aktiv zur eigenen Lebensqualität beitragen.

Welche Rolle spielt der bewusste Genuss bei deinem ganzheitlichen Ansatz?
Genuss sollte auf keinen Fall als Gegensatz zu gesunder Ernährung verstanden werden. Wer sich alles verbietet, hält eine gesunde Vollkost nicht lange durch, und der Stress durch ständigen Verzicht kann sich sogar negativ auswirken. Deshalb geht es immer um das Gleichgewicht. Wer sich zu 90 Prozent ausgewogen ernährt, darf sich die restlichen zehn Prozent ohne schlechtes Gewissen auch Ausnahmen gönnen.
Was sind deine persönlichen Superfoods, die du regelmäßig zu dir nimmst?
Frisches Nussvollkornbrot, fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut, Kimchi oder Kefir, Wildheidelbeeren, Beeren allgemein, Nüsse oder Nussmus, Äpfel. Sie schmecken mir gut und tun viel für den Körper. Es ist die Mischung aus Ballaststoffen, sekundären Pflanzenstoffen, die wie Medikamente wirken, und Vitaminen sowie Mineralien.
Zur Person
Dr. med. Matthias Riedl, geboren 1969, ist Facharzt für Innere Medizin, Diabetologe und Ernährungsmediziner. Er ist Ärztlicher Direktor des medicum Hamburg und Autor mehrerer Ernährungsratgeber. Einem breiten Publikum ist er als TV-Arzt der NDR-Reihe „Die Ernährungs-Docs“ bekannt.

DER ENDOMETRIOSEBALANCE-PLAN
GU Verlag | 176 Seiten | 24,00 €
Wie lassen sich Schmerzen und Beschwerden bei Endometriose lindern? Matthias Riedl erklärt, welchen Einfluss Ernährung und Lebensstil haben können. Mit einem 7-Schritte-Programm und über 50 alltagstauglichen Rezepten vermittelt er Betroffenen praktisches Wissen.

