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Was für ein  „Balagan“

Mirna Funk, deutsche Autorin und Journalistin, Porträt in Tel Aviv
Autorin von „Balagan“, lebt zwischen Berlin und Tel Aviv

Wir haben mit Mirna Funk über ihr neues Buch, jüdische Identität, Verantwortung und das Leben im Zustand von „Balagan“ gesprochen und darüber, warum Chaos vielleicht kein Zustand ist, den man lösen kann, sondern einer, zu dem man eine Haltung entwickeln muss.
In „Balagan“ wird Amira über Nacht reich: Sie erbt eine millionenschwere Kunstsammlung ihrer jüdischen Familie. Was wie ein Geschenk wirkt, fühlt sich bald wie eine Zumutung an. Mirna Funk schreibt lebhaft und nah an der Gegenwart über jüdische Identität, Familie und die Macht der Vergangenheit, die bis heute wirkt. Ein Gespräch über Haltung und Verantwortung in Zeiten von Chaos.
 
Als erstes: Was bedeutet Balagan? Und warum dieser Titel?
Mirna Funk: Balagan ist kein vollständig hebräischer Begriff, sondern ein Wort, das man benutzt, wenn man von Chaos spricht. Ich habe diesen Titel gewählt, weil sich nicht nur die Protagonistin auf unterschiedlichen Ebenen in einem total chaotischen Zustand befindet, sondern weil wir insgesamt in sehr chaotischen Zeiten leben. Wir haben immer in chaotischen Zeiten gelebt, aber viele Menschen glauben, dass wir gerade in den chaotischsten Zeiten aller Zeiten leben. Entsprechend reagieren sie mit Angst, versuchen, Chaos zu lösen und unter Kontrolle zu bringen. Mit dem Roman wollte ich zeigen, dass sich Chaos nicht zähmen lässt. Dass die Fantasien, die man hat – nämlich, dass am Ende des Chaos entweder ein paradiesischer oder ein dystopischer Zustand wartet – keine realistische Grundlage haben. Egal, was wir machen und egal, was passiert: Wir existieren immer in einem permanenten Zustand von Chaos. Und statt dieses Chaos kontrollieren zu wollen, sollten wir lernen, darin eine Haltung zu finden. Darum geht es in meinen Büchern generell: um Haltung und Identität. Und damit sind wir auch schon bei der Hauptfigur Amira.
 
Vor welchen Herausforderungen steht Amira?
Amira muss sich mit dem Tod ihres Großvaters auseinandersetzen, mit der Kunstsammlung, mit dem Erbe ihrer Familie – mit allem, was daran hängt. Auch hier geht es um Fantasien. Um utopische Fantasien, um die Vorstellung, dass sich Probleme plötzlich in Luft auflösen und alles gut wird. Dass ihre Probleme – etwa, dass ihr Online-Magazin nicht läuft oder sie ihre Mitarbeiter nicht mehr bezahlen kann – einfach verschwinden. Aber genau in dem Moment, in dem man glaubt, alles löst sich, kommt oft noch mehr dazu.
 
Welche Rolle spielt Macht in dieser Geschichte?
Viele Menschen haben sehr merkwürdige Vorstellungen von Macht, als wäre Macht ein Zustand totaler Vogelfreiheit. Amira bekommt eine kulturell extrem bedeutende Kunstsammlung vererbt, die 160 Millionen Euro wert ist. Das bedeutet Macht. Und wie man an Amira sieht, ist Macht eben nicht nur schön. Macht ist schwer, anstrengend und bedeutet Verantwortung – nicht nur Freiheit. Ich wollte eine Geschichte über eine Person erzählen, die oft als „Elite“ bezeichnet würde. Gleichzeitig gibt es diese starke Elitenkritik: Denen da oben geht es gut, uns hier unten geht es schlecht. Auch das halte ich für fantasiegeleitetes Denken.
Man externalisiert eigene Probleme und projiziert sie auf Gruppen, über die man eigentlich nichts weiß. Und ich wollte zeigen: Auch dort geht es einem nicht automatisch nur gut.
 
Findet Amira am Ende aus dem Chaos heraus?
Nein. Sie lernt Verantwortung, aber das Chaos endet nicht. Das wäre dem Inhalt des Romans widersprüchlich. Vielleicht findet sie eine Form von innerem Frieden. Amira ist eine Person, die sehr eigenständig durchs Leben geht. Sie hat zwar viele Menschen um sich herum, aber sie ist jemand, der versucht, allein mit der Schwere ihrer Freiheit zurechtzukommen.
 
Ist Eigenständigkeit ein zentrales Thema?
Ja. Und was Amira eigentlich lernt, ist, Hilfe von anderen anzunehmen und in Beziehung zu treten. Sie verabschiedet sich von der Fantasie, ständig mit allem allein zu sein. Das ist der Punkt: Sie lernt, dass sie das nicht muss.
 
Auch Gerechtigkeit und Selbstjustiz spielen im Roman eine Rolle, oder?
Sehr. Wir leben in Zeiten, in denen viele Menschen nach Selbstjustiz rufen und behaupten, der Staat könne keine Gerechtigkeit mehr herstellen. Es gibt Radikalisierungen in progressiven wie reaktionären Lagern. Ich stelle die Frage: Wie lässt sich Gerechtigkeit herstellen? Ist Selbstjustiz immer falsch?
 
Inwieweit gibt es Parallelen zwischen dir und Amira?
Das ist ein Roman. Der Klassiker ist, dass Leute glauben, man sei seine Hauptfigur. Aber man erzählt ja auch alle anderen Figuren. Entweder ist man alle oder gar keine.
Ich mache mich beim Schreiben leer von mir selbst und widme meine Hände den Charakteren und ihrer Entwicklung. Natürlich schreibe ich aus meiner Erfahrungswelt heraus – aber Amiras Biografie ist nicht meine. Mein Vater lebt, meine Mutter hat keinen Typen in der Wüste geheiratet. Ich bin nicht 160 Millionen Euro schwer. Es gibt keine biografische Parallele.
 
Du lebst inzwischen in Tel Aviv. Warum bist dorthin gegangen?
Ich bin vor anderthalb Jahren mit meiner Tochter nach Tel Aviv gezogen, nachdem wir im Juli 2024 die israelische Einbürgerung gemacht haben. Die Gründe dafür sind vielfältig: persönlich, familiär, finanziell, politisch, meteorologisch. Ich habe schon vor elf Jahren einmal in Tel Aviv gelebt und wollte damals schon bleiben, bin aber zurückgegangen. Jetzt sind wir wieder dort. Es geht um Sicherheit, Lebensqualität und darum, an einem Ort zu leben, an dem ich der Sonne dabei zuschauen kann, wie sie ins Meer sinkt.
 
 
Kurz gefragt:
 
Welches Buch hat dich geprägt?
Der Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ von Kant. Der hat mein Leben vollständig verändert.
Hast du ein literarisches Vorbild?
Nein.
Wo fühlst du dich frei?
Auf der Dachterrasse meiner Berliner Wohnung im Sommer, am Strand in Tel Aviv – und in Bangkok.
 
 
Zur Person
Mirna Funk, geboren 1981 in Berlin, ist Schriftstellerin und Journalistin. Sie studierte Philosophie und Geschichte und arbeitet als freie Autorin u. a. für FAZ, SZ und Die Zeit. Ihr Debütroman Winternähe wurde mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet, ihr Sachbuch Who Cares! Von der Freiheit, Frau zu sein wurde zum Bestseller.
 

Mirna Funk
Balagan

In „Balagan“ entdeckt Amira im Lagerraum ihres verstorbenen Großvaters die verschollen geglaubte Kunstsammlung ihrer jüdischen Familie – und steht plötzlich im Zentrum eines spektakulären Erbes. Zwischen Berlin und Tel Aviv ringt sie um Identität, Gerechtigkeit und einen eigenen Weg durch das Durcheinander, das die Geschichte hinterlassen hat. 
dtv Verlag | 368 Seiten | 25 €
 

Buchcover „Balagan“ von Mirna Funk, Roman über Identität und jüdische Familiengeschichte

Interview: Eva-Maria Rueter