Seit ihrer Teilnahme bei Popstars im Jahr 2007 hat Melissa Khalaj einen außergewöhnlichen Weg im deutschen Fernsehen zurückgelegt. Heute moderiert sie große Unterhaltungsformate wie The Voice of Germany, The Voice Kids oder Promi Big Brother. Im Gespräch blickt sie zurück auf ihren Werdegang, spricht über Unsicherheit als Antrieb, ihre iranisch-deutsche Identität, politische Verantwortung, Selbstfürsorge – und über ein Leben jenseits gesellschaftlicher Erwartungen.
Melissa, aus dem deutschen Fernsehen bist du nicht mehr wegzudenken, begonnen hat deine Karriere aber als Teilnehmerin der Castingshow Popstars. Gab es einen Moment in deinem Leben, an dem du dachtest: Jetzt bin ich angekommen?
Ich frage mich ehrlich gesagt, ob dieses Gefühl überhaupt jemals kommt. Wir streben immer nach diesem Punkt, aber vielleicht ist es ganz gut, dass ich ihn bisher nicht richtig gespürt habe – und vielleicht auch nie spüren werde. Das ist wahrscheinlich der Motor dafür, immer weiterzumachen und nicht stehen zu bleiben. Natürlich fühle ich mich heute sicherer und selbstbewusster. Ich weiß, dass ich ein Standing und nicht mehr diese ständige Angst habe, dass morgen alles vorbei sein könnte. Wobei auch das menschlich ist, wenn man sich alles allein aufbaut.
War der Wunsch, auf der Bühne zu stehen, schon früh da?
Ja, schon als Kind. Seitdem ich laufen kann, habe ich es geliebt, vor Familie oder Freunden aufzutreten. Ich habe früh getanzt, gesungen, Auftritte gehabt. Die Bühne war immer ein Ort, an dem ich mich wohlgefühlt habe, an dem ich ich sein konnte. Sie hat mir Lebensfreude gegeben. Deshalb war für mich klar: Das ist mein Weg.
Wie sah dieser Weg aus?
Angefangen hat alles mit einem Praktikum bei einem Radiosender. Dort wurde ich von einer Fernsehproduktionsfirma abgeworben und habe dann ein Volontariat gemacht. Danach habe ich kurz überlegt, Musicaldarstellerin zu werden, mich aber für eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin entschieden, die ich auch abgeschlossen habe. Eines Tages kam ProSieben auf mich zu und fragte, ob ich ein Online-Format zu Germany’s Next Topmodel moderieren möchte. 2014 erfuhr ich dann von einem Casting für den Musiksender JOIZ. Es war immer mein Traum, MTV-Moderatorin zu sein! Ich weiß noch genau, wie der Anruf kam und sie meinten, ich könne den Job haben, müsste aber innerhalb von drei Wochen nach Berlin ziehen. Ich war damals 23, wohnte wieder bei meinen Eltern und habe in einer Bar und als Backgroundsängerin in einer Band gejobbt. Also bin ich nach Berlin. Als der Sender nach zwei Jahren insolvent ging, habe ich lange überlegt, ob ich den Schritt zur freiberuflichen Moderatorin schaffe oder noch mal studiere. Aber zum Glück hat es funktioniert!

Welche Eigenschaften haben dir auf deinem Weg geholfen?
Vertrauen ins Leben. Sprich: einfach mutig zu sein und vielleicht auch mal Dinge zu machen, die zunächst unbequem sind. Mir fällt es nicht immer leicht, aus meiner Komfortzone rauszugehen, manchmal dauert es bei mir länger. Ich bin wahrscheinlich eher eine Spätzünderin. Aber wenn sich eine Tür öffnet, dann gehe ich durch! Ich glaube, viele Menschen scheitern genau an diesem Punkt: Die Tür ist offen, aber sie trauen sich nicht. Man muss sich trauen, Risiken einzugehen und Fehler zu machen, denn dadurch lernt man. Ich bin selbst noch nicht an diesem Ziel und denke mir oft, ich müsste mich noch viel mehr trauen.
Im TV moderierst du heute sehr große, aufmerksamkeitsstarke Formate – aber über dein Privatleben weiß man wenig.
Das stimmt. Ich möchte, dass meine Arbeit für mich spricht. Natürlich weiß ich, dass es heutzutage eigentlich essenziell ist, auf Social Media zu sein. Ich nehme mir auch jedes Jahr neu vor, dort aktiver in Erscheinung zu treten – und merke dann wieder, dass ich mehr damit beschäftigt bin zu leben, als mein Leben nach außen zu präsentieren. Vielleicht muss ich die richtige Form noch finden. Ich habe aber schon ein Projekt in Planung, bei dem ich mehr von mir selbst zeige. Das steckt allerdings noch in den Kinderschuhen.

Nimm uns mit in deine Kindheit. Deine Eltern sind drei Jahre vor deiner Geburt aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Wie hat dich ihre Herkunft geprägt?
Sehr. Meine Schwester war drei, als meine Eltern nach Deutschland kamen, ich bin hier geboren. Wir sind in Karlsfeld und Dachau aufgewachsen und wurden damals sehr gut aufgenommen. Meine Eltern haben schnell Arbeit gefunden, und ich hatte eine wirklich schöne Kindheit – multikulturell, mit Kindern aus ganz unterschiedlichen Familien.
„Ich nehme mir auch vor, auf Social Media aktiver in Erscheinung zu treten – und merke dann wieder, dass ich mehr damit beschäftigt bin zu leben, als mein Leben nach außen zu präsentieren.“
Gleichzeitig war ich im katholischen Kindergarten und bin zum Gottesdienst gegangen. Ich hatte also früh Berührungspunkte mit verschiedenen Religionen. Die iranische Kultur war aber immer präsent. Meine Mutter hat uns einmal die Woche in die iranische Schule geschickt. Wir feiern heute noch die Feste, hören iranische Musik, ich liebe das Essen. Ich spreche mit meinen Eltern Farsi, kann es lesen und schreiben. Ich bin sehr iranisch – und gleichzeitig natürlich auch deutsch. In mir schlagen zwei Herzen.

Du hast dich in der Vergangenheit öffentlich sehr klar zur politischen Situation im Iran positioniert.
Nach dem Tod von Jina Mahsa Amini im Jahr 2022 habe ich sehr deutlich gesprochen. Danach hieß es, ich solle lieber nicht mehr in den Iran reisen, das sei zu gefährlich. Zu sehen, was dort gerade los ist, bricht mir das Herz. Das Einzige, was mich von den Menschen unterscheidet, die dort auf der Straße für Freiheit kämpfen, ist, dass meine Eltern damals gegangen sind. Wären sie geblieben, stünde ich heute selbst dort auf der Straße. In einem iranischen Haushalt hast du gar nicht die Möglichkeit zu sagen, Politik interessiere dich nicht. Es ist Teil des Lebens. Ich habe einen Onkel, der sowohl zur Schah-Zeit als auch unter der Islamischen Republik inhaftiert war, weil er für Demokratie eingestanden ist. Aber meine Hoffnung ist groß, dass die Menschen im Iran bald frei leben können – auch wenn der Preis dafür gerade unfassbar hoch ist.
Wie wichtig ist es dir, deine Reichweite für Haltung zu nutzen?
Sehr wichtig. Natürlich ist mein Stempel „Entertainment“. Ich will den Leuten eine gute Zeit bescheren und sie ablenken. Ich bin bei weitem keine Aktivistin. Da gibt es Menschen, die sich viel besser auskennen als ich. Aber wenn ich Ungerechtigkeit empfinde, wenn es um Menschenrechte geht, kann ich nicht schweigen. Auch wenn ich null Follower hätte. Mir geht es darum, dass Gerechtigkeit herrscht. Dafür einzustehen, kostet nichts – egal, wie groß die eigene Reichweite ist.

Auch für Frauenrechte, Gleichberechtigung und Female Empowerment hast du dich in der Vergangenheit eingesetzt. Wo stehen wir heute, und was muss sich in deinen Augen am dringendsten ändern?
Ich finde, man muss versuchen, die positiven Dinge zu sehen – was in den letzten Jahren alles passiert ist und welche Fortschritte wir gemacht haben. Inwieweit wir uns in dem Patriarchat, in dem wir leben, mit den Frauenrechten angleichen – schwierig zu sagen. Aber im Vergleich zu vor 30 Jahren hat sich viel getan. Und trotzdem liegt natürlich noch ganz viel Arbeit vor uns. Die Digitalisierung ist Fluch und Segen zugleich: Einerseits bekommt jeder immer alles mit, andererseits kann man dadurch viel verändern und erreichen.
Apropos digitale Welt: Beruflich stehst du vermutlich unter Dauerbeschallung. Wie schaffst du Ausgleich?

Ich habe das große Glück, einen Hund zu haben! Morgens bin ich mindestens eine Stunde oder sogar eineinhalb mit ihm draußen. Ohne Handy in der Hand, ohne Musik. Ich wohne inzwischen ein bisschen außerhalb Berlins und bin direkt im Grünen. Einfach in der Natur zu sein, spazieren zu gehen – ich liebe das. Das ist wie Meditation für mich. Witzigerweise kommen mir dann auch die besten Gedanken. Und wenn ich dies aus irgendeinem Grund mal nicht mache, merke ich, dass etwas in meinem Körper nicht stimmt.
Auch Sport scheint in deinem Leben eine große Rolle zu spielen. Du bist letztes Jahr sogar einen Halbmarathon gelaufen.
Das war eine unglaubliche Erfahrung! Anfang des Jahres fragte mich eine Freundin, ob ich nicht Lust hätte, mit mehreren Frauen für einen Halbmarathon zu trainieren. Ich bin davor überhaupt nicht gelaufen, das war für mich immer der Horror. Aber irgendwie habe ich mich überreden lassen. Im Februar haben wir mit dem Training angefangen, im April war der Halbmarathon – und ich habe es in einer für meine Verhältnisse super Zeit geschafft. Das hat mir gezeigt: Wenn du etwas wirklich durchziehst, dann klappt es auch. Frag mich, ob ich immer noch laufe, und ich muss sagen: nein… Aber ich mache zum Beispiel viel Pilates und Yoga. Ich habe Sport noch nie so konsequent in mein Leben integriert wie in den letzten zwei bis drei Jahren, und ich merke, dass es mir hilft, mehr in meiner Mitte zu sein.
„Einfach in der Natur zu sein, spazieren zu gehen – ich liebe das. Das ist wie Meditation für mich.“
Musst du dabei einen inneren Schweinehund überwinden, oder machst du es wirklich aus Freude?
Anfangs war das schon eine Disziplin-Sache und ich musste mich oft zwingen. Aber inzwischen ist es so, dass ich, wenn ich mal zwei Tage keinen Sport mache, wirklich merke, dass ich es brauche. Und dann freue ich mich auch richtig darauf. Wenn man das konsequent durchzieht, hat man irgendwann Spaß daran – und es passiert bei mir auch mit dem Ziel, gesund zu bleiben und gut zu mir selbst zu sein. Das hat etwas mit Selbstliebe zu tun. Ich will diesen Körper, der mir gegeben wurde, gut behandeln, damit ich hoffentlich lange etwas von ihm habe.

Wie bist du ansonsten gut zu dir?
Ich achte darauf, mich nicht ständig auf Negatives zu fokussieren, sondern bewusst positive Dinge zu konsumieren – gute Bücher, gute Nachrichten – und mich mit Menschen zu umgeben, die mir guttun. Das gelingt nicht immer, denn auch negative Dinge gehören zum Leben dazu. Aber ich habe gemerkt, dass ein dauerhafter Fokus darauf schnell in ein Loch führt. Deshalb versuche ich, mich auf das Positive zu konzentrieren und darauf zu vertrauen, dass einem Gutes geschieht.
Wenn man sich auf deinem Instagram-Account umsieht, entsteht der Eindruck, dass du viel Zeit mit Reisen verbringst. Was gibt dir das Unterwegssein?
Ich habe Reisen schon immer geliebt und mich dafür interessiert, andere Länder und Kulturen zu entdecken. Ich bin fest davon überzeugt, dass es keine bessere Investition gibt als die eigene Gesundheit und die Erfahrungen, die man sammelt – zum Beispiel, wenn man unterwegs ist. Ich habe immer das Gefühl, Reisen lädt meine Akkus auf, gibt mir Inspiration. Es lässt mich lebendig fühlen. Und wenn ich niemanden finde, der mitkommen kann, reise ich einfach allein. Ich liebe es, unter Menschen zu sein, aber ich habe auch kein Problem damit, wenn ich mal allein bin.

Kannst du dich noch an deine erste Solo-Reise erinnern?
Das ist eine lustige Geschichte: Ich war damals 20 und frisch getrennt von meinem ersten Freund. Auf dem Weg zur Uni kam plötzlich ein Kamerateam auf mich zu, das eine Sendung namens „Die Zeit läuft“ oder so drehte. Sie meinten, wenn ich innerhalb von eineinhalb Stunden meinen Koffer packe und zum Flughafen fahre, dann darf ich eine Woche nach Fuerteventura – inklusive Flug und Hotel. Ich habe das dann wirklich gemacht. Am Anfang war es eine Überwindung – vor allem abends allein essen zu gehen, das ist die Königsdisziplin, weil alle einen angucken und denken, man wurde versetzt (lacht). Aber inzwischen reise ich gerne solo.
„Jeder soll so leben dürfen, wie er möchte, das wäre mir am liebsten.“
Bist du eher der Abenteuer-Typ oder entspannst du lieber mit einem Buch am Strand?
Ich brauche beides. Vor allem aber bin ich der Typ „mal gucken“. Ich plane nicht. Meistens buche ich auch erstmal nur den Hinflug. Ich weiß, dass das eine privilegierte Situation ist und Menschen mit normalen Jobs oder Kindern so nicht reisen können. Aber warum soll ich es nicht nutzen, wenn ich es kann?
Normaler Job und Kinder – wäre das nichts für dich?
Ich habe mich bisher einfach noch nie bereit für Kinder gefühlt. Keine Ahnung, ob das irgendwann noch kommt – man weiß ja nie. Aber ich mag mein Leben, wie es gerade ist. Wir sollten als Gesellschaft auch aufhören, Frauen das Gefühl zu geben, dass sie sich dafür rechtfertigen müssten, wenn sie keine Kinder bekommen und nicht verheiratet sind. Jeder soll so leben dürfen, wie er möchte, das wäre mir am liebsten. Wenn alle ein bisschen mehr auf sich selbst achten würden, statt die ganze Zeit zu gucken, was andere falsch machen.

Zur Person
Melissa Khalaj (*1988) ist Moderatorin und Entertainerin. Bekannt wurde sie 2007 durch das Casting-Format Popstars, später etablierte sie sich als feste Größe im deutschen Fernsehen. Heute moderiert sie Formate wie The Voice of Germany, The Voice Kids (aktuell auf Sat.1 zu sehen) und Promi Big Brother. Khalaj lebt in Berlin.

