Wer ergreift das Wort, wer bleibt still – und warum? Mit diesen Fragen setzt sich Daniela Dröscher in ihrem neuen Essay Sprechen auseinander. Im Interview erzählt die Autorin, wie sie selbst über das Schreiben zu mehr Sicherheit im öffentlichen Sprechen fand, warum Schweigen oft soziale Ursachen hat und weshalb Sprache schon in ihrer Kindheit eine große Rolle spielte.
Daniela, bis wann haben dich Interviewsituationen wie diese überfordert oder angestrengt?
Der Umbruch kam 2018 mit dem Buch Zeige deine Klasse. Über diese soziologische Analyse habe ich plötzlich gerne gesprochen, und hatte auch das Gefühl, die Sache ist zu wichtig, um nicht darüber zu sprechen.
Ist dir beim Schreiben dieser Analyse etwas über dich selbst klar geworden?
Ja! Ich habe mich quasi selbst auf die soziologische Couch gelegt und mir angeschaut, was mich beschäftigt und was mich am Sprechen hindert. Das hat mir zum Beispiel verdeutlicht, dass mein Schweigen sozial bedingt war und nicht nur ein individuelles Problem.
Wie konntest du diese Erkenntnis praktisch nutzen?
Ich hatte zunehmend weniger das Gefühl, jemandem etwas beweisen zu müssen oder mich in einer Prüfungssituation zu befinden, weil ich sehr eng an meinen Inhalten war, und diese mir wichtig waren. Zu merken, dass es anderen ähnlich geht, hat auch viel bewirkt.
Wie hast du rückblickend Situationen erlebt, in denen du nicht sprechen konntest?
Der Körper kam mir in die Quere und hat mir einen Frosch im Hals beschert, hat mich erröten lassen oder Schweißausbrüche verursacht – die klassischen Symptome der Aufregung. Man gerät dann schnell in eine Spirale: Weil man weiß, dass das passieren kann, vermeidet man solche Situationen von vorneherein – und je mehr man vermeidet, desto weniger geübt ist man darin. Letztendlich ist es eine Frage von Praxis, Routine und Zutrauen.
Wann hast du gemerkt, dass Sprechen eine starke „Währung“ ist, wie du in deinem neuen Essay Sprechen feststellst?
Eine Situation, die es gut und kompakt verdeutlich: Wer spricht im Seminar? Das sind diejenigen, die das nötige soziale Selbstbewusstsein haben und sich den Raum nehmen. Es sprechen natürlich nicht nur diejenigen laut, die nichts zu sagen haben, aber es gibt durchaus ein Gefälle zwischen denen, die im Hintergrund bleiben und nicht dieses Machtstreben haben, und denen, die laut sind und Macht nicht abgeben wollen – die haben ständig das Mikro in der Hand. Das finde ich immer wieder ärgerlich.
Denken die Leisen zu viel nach?
Ich fürchte es. Ich plädiere in meinem Text aber auch dafür, dass man schweigen darf, wenn man nichts zu sagen hat oder sich nicht hinreichend informiert fühlt. Diese vermeintliche Pflicht, permanent zu sprechen, finde ich entsetzlich. Wir sind ja erschlagen und umgeben von Sprache, dabei – das habe ich letztens gelernt – kommen bei Unterhaltungen im Schnitt nur 13 Prozent bei Zuhörenden an.

Das ist erschreckend wenig.
Ja, das ist gruselig. Gut zuzuhören, mal eine Pause zu machen und nachzudenken ist nichts Schlechtes. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass ein paar von den Zurückhaltenderen, von den weniger Machthungrigen, auch in die Arena steigen und in entscheidenden Momenten mitsprechen würden.
In dem Dorf in Rheinland- Pfalz, in dem du aufgewachsen bist, hast du Sprache schon früh als sozialen Faktor wahrgenommen.
Meine Mutter hat immer Hochdeutsch gesprochen, hat aber auch versucht, diesen Dialekt, das Becherbacher Platt, anzunehmen. Ich habe das auch versucht, weil ich natürlich so sein wollte wie die anderen Kinder.
Du bist also direkt aufgefallen mit deiner Sprache?
Ja, Sprache sorgt für Zugehörigkeit. Kaum jemand sprach Hochdeutsch in unserem Dorf mit etwa 300 Einwohnern. Hochdeutsch galt als distinguiert, übertrieben und fremd, als würde man sich für etwas Besseres halten. So kam es zu krassen Entfremdungen.
Hast du deine Emanzipation zur frei sprechenden Person mittlerweile abgeschlossen?
Ich merke gerade durch den neuen Essay, dass ich tatsächlich irgendwo angekommen bin – und von hier aus geht es jetzt weiter. Dieser Prozess der Emanzipation ist also abgeschlossen. Ich fühle mich in meinem Sprechen zu Hause. Mir glückt nicht alles, aber ich empfinde Klarheit und Gelassenheit.
Zur Person
Daniela Dröscher, geboren 1977, wuchs in einem Dorf in Rheinland-Pfalz auf. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Anglistik in Trier und London und promovierte in Potsdam. Heute schreibt sie Prosa, Essays und Theatertexte, zuletzt erschien ihr Roman Junge Frau mit Katze (2025). Dröscher lebt in Berlin.

SPRECHEN
Hanser Berlin | 112 Seiten | 20,00 €
Zwischen Hochdeutsch und Pfälzer Dialekt lernte Daniela Dröscher Sprache früh als sozialen Faktor kennen. In ihrem Essay Sprechen setzt sie sich offen mit ihrer eigenen, schweigsamen Geschichte und ihrer Emanzipation zur öffentlich sprechenden Person auseinander. Hinzu kommen Gedanken zum Gesellschaftsdialog.

