In ihrem ersten Buch beschreibt die praktikzierende Psychotherapeutin Charlotte Ord, wie Eltern ihren Kindern zu einem positiven Körperbild und Resilienz verhelfen können. Wir haben mit ihr unter anderem über die Bedeutung von Sprache und den Einfluss von Social Media gesprochen.
Charlotte, wann ist dir klar geworden, dass das eigene Körperbild von Eltern großen Einfluss auf ihre Kinder hat?
Die meisten meiner Klienten, die wegen ihres Körperbildes oder wegen Essstörungen zu mir kamen, hatten schon lange Probleme mit ihrem Körperbild. Sie alle sprachen dabei über das familiäre und kulturelle Umfeld, in dem sie aufgewachsen waren. Außerdem über die Botschaften, die ihnen vermittelt wurden – direkt und auf subtilere Weise. Bei vielen stellte sich heraus, wie sehr ihre Eltern in einer negativen Kultur verankert waren. Das hat mir bewusst gemacht, dass wir die Erfahrungen der Menschen so früh wie möglich angehen müssen, wenn wir etwas verändern wollen.
Auf welche Weise übernehmen Kinder das Körperbild ihrer Eltern?
Kinder lernen durch Sprache und Verhalten, wie wir zu unserem eigenen Körper und zu Körpern anderer stehen und welchen Stellenwert unser Körper für unser Selbstwertgefühl hat. Wenn ein Kind wahrnimmt, dass seine Eltern ihren Körper mit Freundlichkeit, Sorgfalt und Respekt behandeln, dann wird dieses Kind wahrscheinlich lernen, dass Körper gepflegt und wertgeschätzt werden sollten. Wenn Kinder hingegen gewöhnt sind, zu sehen, wie Eltern ihren Körper kritisieren, Essen moralisieren und eine Sprache verwenden, die Körper verurteilt, werden sie das wahrscheinlich übernehmen. So können falsche Grundüberzeugungen entstehen.
Welche Aussagen können Kinder negativ beeinflussen?
Wenn Kinder etwa sehen, wie ihre Eltern in den Spiegel schauen und sagen: „Ich muss abnehmen“ oder „Mir steht einfach nichts“. Es sind oft subtile indirekte Botschaften, die Kinder in der Hinsicht prägen, wie sie zu ihrem eigenen Körper stehen.
Was könnte man stattdessen sagen, wenn man sich in seinem Körper unwohl fühlt?
Es geht nicht darum, ständig zu betonen, wie sehr man seinen Körper liebt, gemischte Gefühle dürfen sein. Aber Eltern können diese anders benennen, etwa sagen: „Ich fühle mich heute nicht so gut in meiner Haut“ und überlegen, wie sie sich selbst Trost spenden können. So vermitteln sie Achtsamkeit und zeigen, wie man sich selbst beruhigt, ohne sich anzugreifen.
Was kann man tun, um ein positiveres Körperbild zu entwickeln?
Man sollte den Fokus nicht darauf ausrichten, wie ein Körper aussieht, sondern sich darauf konzentrieren, was er für einen tun kann. Vielleicht gefällt dir nicht, wie viel du wiegst, aber tatsächlich ermöglicht dir dein Körper, deine Kinder zu umarmen, Zeit mit deinen Freunden zu verbringen und die Natur zu genießen. Man sollte außerdem achtsam damit umgehen, welchen Botschaften man sich aussetzt. Social-Media-Feeds sollte man etwa gut auswählen, damit man täglich mit verschiedenen Körpertypen konfrontiert wird und mit Menschen, die Dinge tun, die man schätzt. Insbesondere in sozialen Medien wird oft nur ein kleiner Prozentsatz von Körpern dargestellt, und genau den beginnen wir als normal und akzeptabel anzusehen, obwohl die Mehrheit der Menschen gar nicht so aussieht und nicht so aussehen muss, um gesund zu sein.
»Körperliche Vielfalt ist etwas ganz Natürliches, Menschliches und Gesundes.«
Was können Eltern gegen die Beeinflussung durch Soziale Medien tun?
Sie können ihren Kindern beibringen, wie sie sich digital kompetent verhalten und kritisch hinterfragen können, was sie konsumieren. Man kann seinem Kind die Mittel an die Hand geben, um widerstandsfähig zu sein und sich gegen schädliche Botschaften abzugrenzen. Wenn ein Kind davon überzeugt ist, dass sein Selbstwert nicht davon abhängt, wie es aussieht, dann können schädliche Botschaften zwar Selbstzweifel auslösen, aber es verfügt über die nötige Resilienz, um damit umgehen zu können.
Es ist also wichtiger, aktiv aufzuklären, als Kinder komplett beschützen zu wollen?
Ja! Viele Eltern wollen verständlicherweise stets verhindern, dass ihre Kinder Unglück oder Unbehagen empfinden, aber Leiden ist Teil des Lebens. Eine der wichtigsten Aufgaben von Eltern ist es, ihrem Kind beizubringen, wie man gut mit Leid umgeht, wie man bei schwierigen Emotionen innerlich stabil bleibt und was es braucht, um für sich selbst zu sorgen.
Wie sollten Eltern reagieren, wenn Kinder ihren eigenen Körper kritisieren?
Als Erstes sollte man innehalten, denn oft ist der erste Impuls, das Kind beschützen zu wollen und zu sagen: „Oh nein, dir geht es gut. Du bist nicht dick, du bist wunderschön!“ Dadurch verpassen wir aber die Gelegenheit, zu verstehen, was das Kind tatsächlich fühlt. Wir sollten also neugierig sein und fragen: „Was hat dich dazu gebracht, das zu sagen?“ So erfahren wir etwa, ob ein Kind Angst hat oder ob es sich ausgeschlossen fühlt, und können emotionale Erfahrungen vom Körper trennen. Der Körper kann dann in Ruhe gelassen, umsorgt und respektiert werden. Die Emotion kann behandelt werden.
Die Tipps in deinem Buch drehen sich unter anderem darum, sich selbst mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Tun wir das heutzutage zu selten?
Ich denke schon! Wir sind umgeben von Bildschirmen und dazu angehalten, unsere Gesundheitsdaten auswertbar zu machen, haben darüber aber oftmals die Verbindung zu unserem Körper in großem Maße verloren. Ich ermutige die Menschen deshalb dazu, wieder auf ihren Körper zu hören, anstatt sich von außen leiten zu lassen. Nicht alle Dienstleister haben eine Agenda, die in unserem Interesse liegt, denn die meisten profitieren davon, wenn wir uns beschämt fühlen – dann wollen wir etwas dagegen tun und sind bereit, in ein Produkt zu investieren.
Was kann man im Alltag tun, um sein Körperbewusstsein zu verbessern?
Bei Erwachsenen finde ich eine achtsame Pause gut, sich also einen Moment Zeit zu nehmen und wahrzunehmen, was man in seinem Körper spürt: Empfindungen, Verspannungen oder Gedanken. Wir geben uns so die Möglichkeit, zu entscheiden, wie wir reagieren wollen. Denn oft tun wir das, wenn wir gestresst oder beschäftigt sind, und haben dann nicht wirklich eine Wahl.
Wenn dein Buch nur eine Sache ändern könnte – was würdest du dir wünschen?
Die Welt sollte erkennen, dass körperliche Vielfalt etwas ganz Natürliches, Menschliches und Gesundes ist. Und dass Schönheit in allen Formen und Größen existiert, dass alle Körper gut sind und es verdienen, geliebt und respektiert zu werden.
Zur Person
Dr. Charlotte Ord ist Psychologin und Psychotherapeutin mit eigener Praxis im englischen Guildford. Sie arbeitete als Fitness- und Gesundheitscoach, bevor sie ihren Fokus auf einen ganzheitlichen Ansatz verlegte, der alle Körpertypen wertschätzt. Ord ist zudem beratend tätig und als Expertin im Radio und TV.

WENN DU DEINEN KÖRPER LIEBST, LERNT DEIN KIND DAS AUCH
Goldmann | 368 Seiten | 13,00 €
Kinder können nur dann ein positives Körperbild entwickeln, wenn ihre Eltern es vorleben. Um Eltern dabei zu unterstützen, hat Charlotte Ord ihr erstes Buch geschrieben, das einen bewussten Umgang mit Sprache und Social Media schult, und praktische Übungen und Tipps liefert, die einem dabei helfen, seinen Körper wertzuschätzen.

