Ruth, wie bist du auf die Idee gekommen, eine „Fuck It List“ in Buchform zu schreiben?
Wir machen uns doch alle zu viel Druck und halsen uns Dinge auf, die uns nicht guttun. Loslassen ist eines meiner Lebensthemen. Auch in meinem Buch Total Detox ging es um das, „was Sie immer schon loslassen wollten“, also Faktoren, die uns stressen und vorzeitig altern lassen. Oft leben wir am eigenen Leben vorbei, weil wir Regeln folgen, die individuell betrachtet gar keinen Sinn ergeben. Wir folgen, ohne zu fragen: Wer hat sich das alles ausgedacht? Als ich 2022 den Podcast Sick of it von Franziska Knost gehört habe, hat es bei mir noch mal Klick gemacht. Einen Scheiß muss ich!

Worum geht es in dem Podcast?
Knost war unheilbar krank, als sie den Podcast aufnahm, und ist inzwischen verstorben. Sie verabschiedete sich von ihrer Bucketlist und konzentrierte sich stattdessen auf das, was sie in ihren letzten Monaten eben nicht mehr machen möchte. Mit der Fuck-it-List-Challenge will ich erreichen, dass wir damit nicht erst anfangen, wenn wir das Ende vor Augen haben, sondern jetzt! Wir müssen unser Leben nicht mit unnötigem Kram, People-Pleasing und gesellschaftlichen Strukturen belasten. Und ja, ich weiß – manche Dinge sind strukturell, darüber schreibe ich natürlich auch. Ich bin nicht unrealistisch, ganz im Gegenteil. Genau dieser Schritt aus dem etablierten Tun ermöglicht beim Lesen einen Blick auf strukturelle Dinge, die uns klein halten und gegeneinander ausspielen. Wenn wir hier die Geschichte anerkennen und klar sagen, was ist, glaube ich, dass wir Fortschritt bewirken können.

Auf deiner Website bezeichnest du dich als „Fernsehtussi“ und tatsächlich verbinden dich viele vermutlich mit eher leichteren Unterhaltungsformaten. In den Sozialen Medien positionierst du dich aber klar und deutlich. Möchtest du mit dem Buch noch mehr Stellung beziehen?
Leichtigkeit und Tiefgang schließen sich nicht aus. Ich glaube sogar, dass nur die, die auch die andere Seite kennen, aus vollem Herzen lachen können. Für mich ist das Buch eine Erinnerung an persönliche Momente, Herausforderungen und Erlebnisse, und gleichzeitig die Möglichkeit, durch die Perspektiven anderer Menschen Dinge besser zu verstehen. Unsere Gegenwart sehnt sich nach einfachen Antworten und kurzen 20-Sekunden-Clips, in denen man die Welt erklärt bekommt. Unsere Aufmerksamkeitsspanne gleicht der eines Eichhörnchens. Ich wünsche mir wieder mehr Substanz. Die bekommt man darüber, dass man mit den Leuten direkt spricht. Genau das möchte ich mit meinem Buch erreichen. Und ich merke jetzt schon, dass ich in meinem Umfeld tolle Diskussionen entfachen kann. Viele überlegen sich ihre eigenen Fuckolinhos.

Du bist im April 50 geworden. Welche Freiheit bringt Alter in deinen Augen mit?
Ich muss gestehen, dass es bei mir bisher mit steigendem Alter immer besser wird. Gleichzeitig bin ich natürlich in dem Alter, in dem Frauen anfangen, unsichtbar zu werden: weniger Jobs, weniger Sichtbarkeit. Wir sperren die Alten ja auch weg. Wir wollen alt werden, aber nicht alt sein. Die Alternative ist, früh zu sterben. Dafür müsste ich aber das Leben aufgeben, was mir viel zu viel Spaß bereitet! Ich bin wahnsinnig dankbar für das, was ich bisher erleben durfte, das reicht wahrscheinlich schon für zehn Leben. Ich glaube, das ist genau das, was das Älterwerden mit sich bringt: diese „Fuck-it“-Einstellung. Dass man eben nicht mehr allen gefallen muss und ehrlicher mit sich selbst und anderen umgeht.

Deine Liste soll den Weg zu mehr Selbstbestimmung ebnen. Wie definierst du diesen Begriff für dich persönlich?
Durch die Interviews im Buch, allen voran die Gespräche mit der systemischen Therapeutin Sarah Henry, habe ich gelernt, öfter mal zu hinterfragen, warum ich das alles eigentlich mache. Ist es, weil es mir die Gesellschaft schon immer so vorgetanzt hat, oder tut es wirklich etwas für mich? Wir leben doch alle in diesem Hamsterrad, in dem es nur darum geht, wie schnell ich meine Ziele erreiche, um möglichst gut in die gelernte Struktur zu passen. Wir wollen unbedingt dazugehören, aber zu welchem Preis? Erwartungen der Familie, der Gesellschaft oder aus kulturellen Einflüssen zu erfüllen, kann auch am eigenen Leben vorbeigehen.

Ruth Moschner lacht ausgelassen vor rosa Hintergrund
Foto: Bernd Jaworek

Wir machen uns alle zu viel Druck und halsen uns Dinge auf, die uns nicht guttun.

Puh. Wie viel Zeit haben wir für das Interview? Es ist kompliziert, weil hier unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen.
Wir haben zum einen unser Gehirn, welches von Natur aus bewertet. Das heißt, es geht um Bevorteilung, Paarungsverhalten, Fruchtbarkeit. Dazu kommt: Schöne Menschen werden bevorzugt behandelt und wir wissen, dass sie in Unternehmen oft das höhere Gehalt verdienen. Und dann haben wir die Wirtschaft, die daraus Körper-Kapitalismus macht und ordentlich Profit daraus schlägt, Frauen mitzuteilen, dass sie so bleiben sollen, wie die andere ist.

Also was tun?
Die Lösung wäre eine sichtbare Diversität von unterschiedlichen Körpern, aber davon sind wir noch Lichtjahre entfernt! Im Buch spreche ich mit dem Journalisten Alexander Prinz auch über Ozempic und wie schnell die Diskussion über die sogenannte Bodypositivity beendet war, seitdem es die Abnehmspritze gibt, und wie die Zukunft aussieht. Spoiler: Da kommen magere Zeiten auf uns zu. Und wieder sollen alle gleich aussehen. Wir führen einen Körperkrieg gegen uns selbst.

Wie weit bist du selbst wirklich raus aus diesem Optimierungsdenken?
Ich habe ja schon einen sehr langen Weg voller Fehler und Learnings hinter mir. Und diese möchte ich mit den Lesenden auch teilen. Bisheriger Tiefpunkt: Mein Optimierungsversuch mit diesem Morpheus8-Gerät an meinen Beinen. Radiofrequenz-Microneedling soll straffere Haut ohne OP versprechen. Das ist gründlich schiefgelaufen und das Verhalten des renommierten Schönheitsinstituts ist bis heute eine absolute Farce: Age-Shaming, Body-Shaming und sich aus der Verantwortung ziehen. Heute weiß ich: Die Aufklärung war nicht sachgemäß. Und die Behandlung sowieso nicht.

Ich musste mich gegenüber den Boulevardmedien immer und immer wieder erklären, wieso ich kinderfrei lebe.

Ruth Moschner in Schwarz-Weiß, lachend auf einem Bürostuhl
Foto: Bernd Jaworek

Zurück zu gesellschaftlichen Strukturen und Erwartungen – womit hast du in deinem Leben am meisten gerungen?
Mein All-time-favourite-Augenroll-Thema: Kinderfreie, unverheiratete Frauen sind tatsächlich auch Menschen! Ich musste mich gegenüber den Boulevardmedien immer und immer wieder erklären, wieso ich kinderfrei lebe und Hochzeiten ablehne. Ich persönlich finde ja, dass viele dieser Strukturen wirklich völlig veraltet sind, und diese Freiheit, von der immer alle reden, doch bitte für alle gelten soll.

Was müsste sich deiner Meinung nach im gesellschaftlichen Denken über Familie verändern?
Viele sehen die Ehe immer noch als Versorgungsgemeinschaft. Da verschiebt sich doch von Anfang an das Machtverhältnis und es entstehen Abhängigkeiten, die im Ernstfall nach hinten losgehen können. Wenn wir uns davon lösen, dass die Beziehungsperson für unser Glück verantwortlich ist, kann das ein echter Emanzipationsschub sein. Vater, Mutter, Kinder – das liest sich so nett, zwingt Frauen aber oft zu unbezahlter Care-Arbeit. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die perfekte Beziehung als Ziel wie in Leuchtschrift über manchen schwebt. Und freilaufende Singlefrauen sowieso die gefährlichsten Lebewesen von allen sind. Woher kommt dieses Bild? Als sei erst alles in Ordnung, wenn Frau unter der Haube ist. Am besten hinterm Herd. Zum Wohle des Mannes.

Ernst wird es in deinem Buch, wenn du dich mit Sexismus beschäftigst.
Die Benachteiligung aufgrund des Geschlechts ist natürlich ein zentrales Thema, das sehr wütend macht. Ich wurde im Alter von fünf Jahren zum ersten Mal sexualisiert. Rückblickend ist das ganz schön gruselig. Als ich neun war, hielt man es für ein Kompliment, dass ein erwachsener Bekannter mich heiraten wollte, als Teenager wurde ich auf der Straße auf meine Füße angesprochen, gestern gestand mir ein „Freund“, er hätte sich in Chatrooms unter meinem Namen mit Männern verabredet – die Liste ist lang. Kurz zusammengefasst: Viele Männer glauben noch immer, sie hätten das Recht auf den weiblichen Körper per Geburt zugesprochen bekommen. Fuck it! Das Gute ist: Aktuell werden so viele Dinge sichtbar, die schon immer im Verborgenen schlummerten, und das ist eine Riesenchance. Wir wollen ja kein Mitleid, sondern verdeutlichen, dass dieses System der Unterdrückung so etabliert ist, dass viele es als normal ansehen.

Natürlich darf auch das liebe Geld in deinem Buch nicht fehlen. Du kommst aus eher einfachen Verhältnissen. Wie hat dich das geprägt?
Ich habe seit meinem vierten Lebensjahr Geld verdient, deshalb ist in meinem Kopf verankert: Finanzielle Sicherheit bedeutet auch Freiheit. Auch wenn Kapitalismus sehr destruktiv sein kann, so wie er heute gelebt wird, bringt er Frauen zumindest mehr Handlungsfreiheit. Ein eigenes Konto ist essenziell. In vielen Ehen gibt es nur ein gemeinsames – und wenn etwas passiert, steht die Frau mit den Kindern da und hat keinen Handlungsspielraum. Ich habe einmal im Hotel erlebt, wie eine Frau ohne Kreditkartenfreigabe dastand und mehrfach beim Ehemann anrufen musste. Da stellt sich sofort die Frage: Was, wenn sie sich streiten oder trennen? Wenn Gewalt im Spiel ist? Das zeigt ein massives Machtgefälle, das einfach nicht gesund ist.

Du hast 2014 ein Fernstudium zur Fachberaterin für holistische Gesundheit und Ernährung gemacht. Was hat dich dazu bewogen, dich noch einmal ganz neu in ein anderes Feld einzuarbeiten?
Ich wollte als Kind auch mal Chirurgin werden und habe mir mit diesem Fernstudium einen Traum erfüllt, als ich ihn mir leisten konnte. Bildung ist für mich das größte Gut.

Menschen erwarten, dass Veränderungen ein Sprint sind.

Ruth Moschner im roten Punktekleid, sitzend und lächelnd
Foto: Bernd Jaworek

Noch heute arbeitest du in dem Bereich als Beraterin und Dozentin. Was ist der größte Fehler, den viele Menschen machen?
Menschen erwarten, dass Veränderungen ein Sprint sind. Meine Freundin und Studienkollegin Nadine Kranz sagt im Buch so schön, dass man das Ganze jedoch lieber als Marathon betrachten soll. Nicht: Wie werde ich schnell schön, schlank, glatt, sexy, was auch immer – sondern: Wie will ich morgen aufwachen?

Was hast du durch das Schreiben deines Buches selbst dazugelernt?
Das Schönste war tatsächlich, wie viele Menschen mich in ihre Perspektive gelassen haben. Die Fuck-it-List ist wie ein Kinderbuch für Erwachsene, ein Safe-Space, in dem man hinter die Kulissen anderer Leben gucken kann. Es zeigt, dass man nicht immer einer Meinung sein muss, dass sich der Austausch aber lohnt und vielleicht sogar Erleichterung bringt, wenn man versteht, dass sich hinter vermeintlich platten Gewohnheiten oftmals eine Struktur versteckt, von der am Ende nur einige Wenige profitieren. Das möchte ich nicht. Wenn wir lernen, das für uns zu nutzen, Vorurteile abzubauen und eine Gesellschaft mit sichtbarer Vielfalt und flachen Hierarchien kreieren, dann bekommen wir viel mehr.

Was würdest du dir für uns Frauen im Jahr 2026 wünschen?
Ich fürchte, meinen Wunsch nach Gleichberechtigung für alle Frauen bekommen wir dieses Jahr nicht mehr realisiert. In vielen Ländern sind konservative Denkmuster gerade wieder auf dem Vormarsch. Ich hoffe, wir halten die Energie und lassen uns davon nicht veräppeln.

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