Harvard Law School, vier Jahre als Anwältin, dann der Bruch: Nisha Vora tauschte Gerichtsakten gegen Gemüse und wurde zu einer der bekanntesten Stimmen der veganen Küche. Ihr Ansatz dabei jenseits von Fleischersatz und Verzicht: Geschmack zuerst. Im Interview erzählt sie von ihrem Weg, ihrer Beziehung zu ihren Eltern und ihrem neuen Mammutwerk Big Vegan.
Nisha, du hast eine außergewöhnliche Geschichte: Harvard, Anwältin – und irgendwann der Punkt, an dem du gesagt hast: Das war’s. Wie kam es dazu?
Ich habe vier Jahre als Anwältin gearbeitet. Das Jurastudium habe ich wirklich geliebt – das akademische Umfeld, das kritische Denken. Aber die Praxis war etwas völlig anderes: sehr stressig, sehr angstauslösend.
Ich war desillusioniert davon, was ich im Rechtssystem überhaupt erreichen konnte. Und ich war es leid, jeden Morgen unglücklich aufzuwachen, nur für den Freitagabend zu leben. Zur gleichen Zeit hatte ich angefangen, mich vegan zu ernähren und Fotos auf Instagram zu posten – das fing an zu laufen. Ich dachte: Vielleicht kann ich mir damit eine Karriere im Food-Bereich aufbauen.
Wovor hattest du mehr Angst: ehrlich zu dir selbst zu sein oder zu deinen Eltern?
Anfangs war es das Gespräch mit den Eltern. Sie sind Einwanderer aus Indien, Bildung hatte in unserer Familie immer einen hohen Stellenwert. Sie haben so hart gearbeitet, um mir die Harvard Law School zu
ermöglichen. Aber als das Gespräch durch war, kam die nächste Hürde: ehrlich zu mir selbst sein. Ein, zwei Jahre lang war ich mir nicht zu hundert Prozent sicher. Wenn Leute fragten, was ich mache, sagte
ich: „Früher war ich Anwältin, jetzt arbeite ich im Food-Bereich.“ Mir fehlte das Selbstbewusstsein, einfach zu meiner Entscheidung zu stehen.
Würdest du diesen Schritt heute genauso noch einmal gehen – mit all den Content-Creators, der Algorithmus-Abhängigkeit und dem KI-Spam in den sozialen Medien?
Schwer zu sagen. Ich bin kein typischer Influencer – ich stehe ungern im Rampenlicht und rede nicht gern über mich selbst. Ich verstehe die Probleme, die soziale Medien mit sich bringen, und frage mich oft: Bin ich Teil des Problems? YouTube ist meine Lieblingsplattform, weil es um längere Inhalte geht und ich den Leuten dort wirklich beibringen kann, wie man kocht. Ich glaube schon, dass ich auch heute noch einen YouTube-Kanal und eine Website starten würde.

Du arbeitest also lieber hinter den Kulissen, stehst aber doch vor der Kamera. Wie schaffst du diesen Wechsel?
Ich bin immer noch ich selbst – mir fehlen nur die Dinge, die man üblicherweise mit Influencern verbindet. Vor der Kamera fühle ich mich heute wohl, weil ich es schon lange mache. Am Anfang war ich sehr unbeholfen. Wenn ich etwas erkläre, das mir wichtig ist, fühle ich mich sicher. Was ich nicht will: die Leute durch mein gesamtes Privatleben führen. Ich konzentriere mich auf mein Anliegen, auf das Kochen.
In Deutschland ist vegane Küche oft ein Tausch: hochverarbeitete Ersatzprodukte statt Fleisch und Milchprodukten. Dein Ansatz scheint ein anderer zu sein.
Ich bin vor zehn Jahren vegan geworden, als es in den USA noch kaum Ersatzprodukte gab. Ich musste lernen, ohne diese Produkte zu kochen – und ich bin froh darum. Anfangs habe ich einfach alles weggelassen: Hähnchen, Butter, Eier, Käse. Aber das Essen war langweilig: Bohnen, Reis, Sriracha. Irgendwann hatte ich genug. Das hat mich auf den Weg gebracht herauszufinden, wie man aus Bohnen, Linsen, Tofu, Gemüse und Getreide etwas Besonderes macht – mit viel Geschmack und Textur, oft über Vorratskammer-Klassiker wie Sojasauce, Hefeflocken oder getrocknete Pilze. Ich bin auch keine Gesundheitsfanatikerin: Ich koche mit Öl und Salz, weil beides köstlich sein kann.
Welche Küchentradition hat dich am meisten geprägt?
Meine Eltern sind Inder, von dort habe ich am meisten Erfahrung. Was ich von meiner Mutter gelernt habe und auch auf nicht-indische Rezepte anwende: Wie man Gewürze röstet und Aromen schichtet – erst ganze Gewürze, dann Aromaten wie Zwiebeln und Knoblauch, dann gemahlene Gewürze. Es geht darum, Schicht für Schicht eine geschmackliche Grundlage aufzubauen.
Kommen wir zu Big Vegan: 600 Seiten, ein Opus magnum. War das von Anfang an so geplant oder ist es dir über den Kopf gewachsen?
Ein bisschen von beidem. Ich habe es als umfassendes Werk vorgeschlagen, aber dass es so groß wird, hatte ich nicht im Kopf. Mein erstes Manuskript wäre laut meiner Lektorin ein Tausend- Seiten-Buch geworden – sie sagte: „Das können wir für hundert Dollar nicht veröffentlichen.“ Also begann die Rolle rückwärts. Eigentlich hätte ich es „Vegan Flavor Bible“ genannt, aber den Titel gibt es in den USA schon für ein vegetarisches Kochbuch.
» Ich bin keine Gesundheitsfanatikerin: Ich koche mit Öl und Salz, weil beides köstlich sein kann.«
Welches Rezept würdest du Einsteigern empfehlen, um deine Welt zu verstehen?
„I Can’t Believe It’s Not Chicken Super Savory Grated Tofu“. Ein einfaches Rezept, 25 bis 30 Minuten. Man reibt den Tofu runter, brät ihn knusprig in der Pfanne und gibt eine asiatisch inspirierte Sauce dazu – Sojasauce, chinesischer schwarzer Essig, Chiliflocken, Zucker. Die Textur wird fast hähnchenartig, es schmeckt wie würziges Hackfleisch vom Hähnchen. Das stellt die Erwartungen an Tofu komplett auf den Kopf.
Was wird dein nächstes Projek werden? Etwa ein noch umfangreicheres Big Vegan Part 2?
Ich fange wirklich an, über das nächste Buch nachzudenken – und komme immer wieder auf Gemüse zurück. Wir essen in den USA viel zu wenig davon. Das meistgegessene Gemüse ist die Kartoffel, meistens als Pommes. Dabei ist Gemüse eines der köstlichsten Lebensmittel, wenn man ihm etwas Aufmerksamkeit schenkt und es nicht als Nachgedanke behandelt.

Spürst du den Druck, dass du abseits der Privatperson auch eine Marke bist, wie zum Beispiel Jamie Oliver, der jedes Jahr ein Buch herausbringt?
Auf dem Level bin ich nicht. Ich habe viel Flexibilität in meiner Karriere – das ist mir wichtig. Ich mochte das Arbeiten für andere nie; ich brauche meine eigene Agenda. Das größere Problem ist, Zeit zu finden: Die Online-Videos nehmen viel Raum ein, und für ein Buch braucht man große zusammenhängende Zeitblöcke, keine 30 Minuten zwischendurch.
Gibt es etwas, das du dir wünschen würdest? Eine eigene Linie an Küchengeräten oder Gewürzen?
Eine Schürze kommt demnächst in Kooperation mit einer Marke heraus. Liebend gern würde ich eine Kollektion an Gewürzen, Würzpasten und Saucen machen. Die Leute lieben meine Würzmischungen und fragen ständig danach – vielleicht geht es irgendwann in diese Richtung.
Zur Person
Nisha Vora, geboren 1987, studierte als Tochter indischer Einwanderer in Harvard Jura und arbeitete als Anwältin, bevor sie ausstieg. Ihr YouTube-Kanal Rainbow Plant Life hat über 1,5 Millionen Follower.

BIG VEGAN
Dumont | 608 Seiten | 44,00 €
Voras umfassende „Flavor-First“- Bibel der pflanzlichen Küche – 150 global inspirierte Rezepte plus Grundlagenwissen über Kochtechniken, Geschmacksaufbau und Texturwissen, mit dem aus Bohnen, Tofu und Gemüse große Küche wird. Erscheint am 16. Juni 2026.

