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Hormonelle Balance ist kein Zufall

Dr. Petra Algenstaedt in blauem Kleid sitzt lächelnd auf einer Holzbank mit pinkem Kissen vor dunkler Wand
Foto: Agentur VSPR

Müdigkeit, Gewichtszunahme, Stimmungstiefs und Zyklusprobleme werden schnell als Alterserscheinungen abgetan oder fehlender Disziplin zugeschrieben. Dabei steckt oft ein hormonelles Ungleichgewicht dahinter, das sich gezielt behandeln lässt. Hormon-Expertin Dr. Petra Algenstaedt erklärt, was verschiedene Hormontypen unterscheidet und warum Hormondiagnostik längst nicht nur ein Thema für die Wechseljahre ist.

Petra, was genau sind bioidentische Hormone und worin unterscheiden sie sich von klassischer Hormonersatztherapie oder der Pille?
Der entscheidende Unterschied liegt in der Struktur. Bioidentische Hormone sind zu 100 Prozent identisch mit den körpereigenen Hormonen. Die Hormone in der Antibabypille oder in der klassischen Wechseljahrtablette sind dagegen chemisch stark verändert – sie müssen hochdosiert sein, sonst würden sie keinen Eisprung unterdrücken. Aus diesen veränderten Hormonstrukturen resultieren zum Beispiel das bekannte höhere Thromboserisiko oder ein leicht erhöhtes Brustkrebsrisiko. Bioidentische Hormone dagegen, zum Beispiel Estradiol als Creme oder Progesteron als Kapsel, sind von der Struktur her identisch mit dem, was der Körper selbst produziert, und gehen nicht mit diesen Nebenwirkungen einher.

Für eine 45-jährige Frau, die noch mitten im Zyklus steckt, aber erste Veränderungen spürt – welche Hormone würdest du präventiv im Blick behalten?
Ganz konkret: in der zweiten Zyklushälfte, also nach dem Eisprung, Progesteron und Östrogen, dazu die Hypophysenhormone FSH und LH sowie die Schilddrüsenhormone. Meist bestimmen wir auch den Testosteron-Wert mit. Häufig entwickeln Frauen bereits mit Ende 30 oder Anfang 40 eine Gelbkörperhormonschwäche, also einen Progesteronmangel – das passiert oft schon zehn Jahre, bevor der klassische Östrogenmangel einsetzt. Sinnvoll ist außerdem ein Blutbild inklusive Ferritin, weil Eisenmangel bei Frauen mit stärkeren Blutungen sehr häufig vorkommt.

Der Hormonhaushalt schwankt doch ständig. Ist eine einmalige Messung überhaupt aussagekräftig?
Ja, das ist sie. Natürlich schwanken die Werte über den Zyklus, aber wir kennen die physiologischen Bereiche sehr genau: niedrige Östrogenspiegel während der Blutung, ein deutlicher Anstieg um den Eisprung, und in der zweiten Zyklushälfte ein bestimmtes Verhältnis von Progesteron zu Östrogen. Wer erfahren ist, kann anhand des Blutbilds ziemlich genau einordnen, in welcher Zyklusphase eine Frau war und ob zum Beispiel eine Östrogendominanz mit niedrigem Progesteron vorliegt, wie sie oft dem prämenstruellen Syndrom zugrunde liegt. Bei Frauen ohne Zyklus, etwa in der Menopause, sind Östrogen und Progesteron dagegen durchgehend sehr niedrig und das FSH stark erhöht.

Dr. Petra Algenstaedt in weißem Arztkittel mit Emblem auf der Brusttasche steht vor einer Treppe und lächelt
Foto: Dr. Algenstaedt

Kann ich Beschwerden in der Perimenopause auch mit Mikronährstoffen oder Vitalpilzen statt mit Hormonen behandeln?
Als Ersatz für eine Hormontherapie würde ich das nicht empfehlen, aber als Ergänzung setzen wir das bei uns ganz gezielt ein – die beiden Ebenen schließen sich nicht aus, sondern greifen ineinander. Vitalpilze wie Reishi oder Cordyceps, dazu Spermidin, Astaxanthin oder B-Vitamine unterstützen begleitend den Stoffwechsel, das Immunsystem und die Zellregeneration, während die Hormontherapie das eigentliche Defizit an Progesteron oder Östrogen ausgleicht. Ergänzend arbeiten wir auch mit pflanzlichen Vorstufen wie Mönchspfeffer, der leicht progesteronähnlich wirkt, oder Cimicifuga mit östrogenähnlicher Wirkung. Wichtig ist mir aber: Mikronährstoffe sind bei uns nie ein Ersatz, sondern immer ein Baustein im Gesamtkonzept, gemeinsam mit Hormonen, Ernährung und Lebensstil.

Ist eine Hormondiagnostik eigentlich eine Kassenleistung?
Das ist unterschiedlich. Bei bestehenden Beschwerden übernehmen Gynäkologie oder Endokrinologie die Diagnostik häufig ganz regulär über die Kasse. Rein präventiv, ohne konkrete Beschwerden, ist es dagegen oft schwierig. Eine einzelne Hormonbestimmung kostet dann etwa 20 Euro, ähnlich wie bei Vitamin D. Sinnvoll sind meist fünf bis sechs Werte: Östradiol, Progesteron, Testosteron, TSH, dazu DHEA und Cortisol als Nebennierenhormone sowie FSH als übergeordnetes Steuerhormon.

Inwiefern können Hormonschwankungen auch zu psychischen Beschwerden beitragen?
Ein Progesteronmangel geht häufig mit gedrückter, melancholischer Stimmung einher – Progesteron wirkt zentral im Gehirn entspannend und wie ein natürliches Antidepressivum. Viele Frauen Mitte, Ende 40 berichten von mehr Ängstlichkeit, geringerer Belastbarkeit und vermehrten Stimmungsschwankungen. Wir haben in der Praxis schon Menschen mit Depressions- oder Angstdiagnosen übernommen, bei denen eigentlich ein hormonelles Problem zugrunde lag.

Muss ich also keine Angst mehr vor Hormonen und ihren Nebenwirkungen haben?
Man muss klar unterscheiden. Die veränderten Hormone aus Pille und klassischer Wechseljahrtablette – ich nenne sie gerne die „Bad Guys“ – können mit Risiken einhergehen. Bioidentische Hormone, die „Good Guys“, sind dagegen strukturidentisch und werden zum Beispiel in Form von Progesteron-Kapseln breit eingesetzt, unter anderem seit vielen Jahren selbst bei schwangeren Patienten.

Wie stehst du zur klassischen Antibabypille?
Wir empfehlen sie heute nicht mehr über zehn oder fünfzehn Jahre durchgehend, wie es früher üblich war. Für kurzfristige, sichere Verhütung, etwa bei jungen Frauen ohne Risikofaktoren, spricht aber grundsätzlich nichts dagegen. Es gibt inzwischen auch Alternativen wie niedrig dosierte Mini-Spiralen, die auch bei jungen Frauen ohne vorherige Geburt eingesetzt werden können.

Dr. Petra Algenstaedt sitzt auf einer Treppenstufe, schaut lächelnd nach oben, trägt gemustertes Kleid und mehrere Armbänder
Foto: Agentur VSPR

Wie beeinflussen Hormone unser Gewicht?
Östrogen und Progesteron schützen unsere Taille. Bei Hormonmangel lagern wir vermehrt viszerales Bauchfett an – das sogenannte „böse“ Fettgewebe, das sogar selbst Stoffe produziert, die Bluthochdruck und Insulinresistenz begünstigen. Führt man die körpereigenen Hormone in richtiger Dosierung zu, stabilisiert sich das Gewicht wieder, weil sich der Stoffwechsel entsprechend reguliert. Ernährung allein reicht hier oft nicht aus, weil sich der Stoffwechsel selbst mit der Veränderung des Hormonspiegels grundlegend verändert – vielen Frauen wird das zu Unrecht als mangelnde Disziplin ausgelegt.

Kann ein Hormon-Check auch schon vor den Wechseljahren sinnvoll sein?
Hormondiagnostik ist längst nicht nur ein Thema für die Menopause. Auch junge Frauen haben oft schon Beschwerden, die mit den Hormonen zusammenhängen, darunter Akne, starke oder schmerzhafte Blutungen, Migräne, ausgeprägtes PMS oder Kinderwunschthemen.

Warum ist dir Aufklärung in diesem Bereich so wichtig?
Weil es tatsächlich unglaublich viele Mythen gibt, die bis heute für Verunsicherung sorgen. Ein Grund ist die große WHO-Studie zur klassischen Hormonersatztherapie von vor über 20 Jahren. Ihre Ergebnisse wurden lange undifferenziert auf alle Hormonpräparate übertragen, ohne zwischen chemisch veränderten und bioidentischen, körperidentischen Hormonen zu unterscheiden. Hinzu kommt, dass Frauengesundheit und besonders die Wechseljahre in Forschung und ärztlicher Ausbildung lange ein Nischenthema waren – viele Kolleginnen und Kollegen haben dazu im Studium kaum etwas gelernt. Genau deshalb ist mir Aufklärung so wichtig: Ich halte Vorträge, bilde über unser Fortbildungszentrum Gynäkologinnen und Gynäkologen weiter und nehme mir in der Sprechstunde bewusst Zeit für Erklärungen. Nur wenn Mythen durch fundiertes Wissen ersetzt werden, verlieren Frauen die Angst vor einer Therapie, die ihnen helfen kann.

Zur Person

Priv.-Doz. Dr. med. Petra Algenstaedt ist Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie. Sie leitete über 15 Jahre die Hormonsprechstunde am UKE und gründete 2014 das Medicum Eppendorf, ihr Zentrum für Hormon- und Stoffwechselgesundheit in Hamburg.

Interview: Eva-Maria Rueter

Dunkler Empfangstresen mit großer Vase voller roter Blumen und grüner Zweige vor dunkelgrauer Wand mit indirekter Beleuchtung und Fenster rechts
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Foto: Dr. Algenstaedt