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Alexandra Zykunov – „Aber patriarchale Kackscheiße darf man schon sagen, oder?“

Porträt von Alexandra Zykunov mit lockigem Haar, rotem Lippenstift und schwarzem Oberteil vor dunklem Hintergrund
Foto: Hans Scherhaufer

Alexandra Zykunov ist bekannt für klare Kante: Als Journalistin und Autorin hat sie sich in den vergangenen Jahren als eine der lautesten feministischen Stimmen im deutschsprachigen Raum etabliert – erst auf Social Media, dann in ihren Büchern. Mit Aber patriarchale Kackscheiße darf man schon sagen, oder? – Bekenntnisse einer feministischen Mutter legt sie nun ein Buch vor, das persönlich, wütend und sehr konkret davon erzählt, wie feministische Erziehung im Alltag tatsächlich aussieht. Im Gespräch mit GLOW. spricht Zykunov über Wut als politische Kraft, über ungleiche Erziehung als Ausgleich für gesellschaftliche Schieflagen und darüber, warum sie glaubt, dass der Einfluss von Eltern größer ist als der von Social Media.

Der Buchtitel und die Wut

Alexandra, dein Buchtitel ist sehr provokant. Warum hast du einen so aggressiven, wütenden Titel gewählt?
Dieser wütende Ton ist im Grunde das, wie ich als Autorin und Journalistin feministisch groß geworden bin. Bevor mein Verlag mich vor sechs Jahren für ein Buch angefragt hat, war ich auf Social Media eine Art Wutfluencerin. Einfach, weil ich zu erschöpft war, um freundlich zu erklären, wie fertig wir Mütter sind, gerade in der Corona-Zeit, als wieder alles auf uns abgeladen wurde. Der Verlag kam damals mit dem Satz auf mich zu: Alexandra, du schreist immer so schön in dieses Internet hinein, möchtest du nicht mal in ein Buch hineinschreien? So kam dieser Ton zustande. Und ehrlicherweise habe ich auf dieser feministischen Reise auch gelernt, dass Frauen Wut seit Generationen abtrainiert wurde. Wut ist bei Frauen im Grunde sofort politisch. Jede wütende Frau ist gleichzeitig, ob sie will oder nicht, eine politische Frau – weil weibliche Wut an sich schon politisch ist. Frauen durften nie wütend sein. Wut bedeutet: Aufmerksamkeit auf sich lenken, laut werden, mit dem Fuß stampfen oder mit der Hand auf den Tisch hauen. Alles Dinge, die Frauen gerade nicht sein sollten.

Wut bedeutet ja auch Widersetzung.
Genau. Man sagt: Nein, dem stimme ich nicht zu oder hier geht jemand über meine Grenzen oder hier passiert eine Ungerechtigkeit. Das wurde Frauen nie selbstverständlich als Recht zugestanden. Wut sieht ja auch nicht schön aus, die Nasenflügel bäumen sich auf, eine Vene tritt auf der Stirn hervor, die Augen weiten sich. Und Frauen sollen immer schön sein, auch deswegen wurde ihnen Wut seit Generationen abtrainiert. Ich habe im Laufe meiner Mutterschaft aber immer mehr verstanden: Wut ist wichtig! Wut wahrt meine Grenzen, Wut weist Menschen, die über diese Grenzen gehen, in ihre Schranken. Und als mir klar wurde, dass jede wütende Frau gleichzeitig eine politische Frau ist, hat mir das sehr in die Karten gespielt. Diese „patriarchale Kackscheiße“, habe ich ja schon in meinen anderen Büchern immer wieder angeprangert. Und das ist irgendwann in diesen Buchtitel eingegangen. Meine Lektorin und ich haben ihn vorgeschlagen und dachten, der Verlag winkt das nie durch. Aber sie fanden es super. Passenderweise werden gerade in der britischen Belletristik diese Female-Rage-Bücher gehypt, wütende, rage-baitende Frauen. Da dachte ich: Dann bin ich im Sachbuch eben auch am Rage-Baiten, damit habe ich kein Problem. Wut ist ja eigentlich eine zu Recht negativ konnotierte Eigenschaft, gerade bei Frauen. Aber wenn sie nicht destruktiv oder zerstörerisch ist – außer in Richtung Patriarchat, da bin ich voll dabei –, dann kann Wut etwas Empowerndes sein. Diese Wut zu nehmen und produktiv zu kanalisieren, kann sehr viel freisetzen. Deswegen freue ich mich über jede Frau, die wütend aus meinen Lesungen geht. Wut ist eine gute Freundin.

Feminismus und Männererziehung

Was bedeutet für dich persönlich, Feministin zu sein?
Als wir jünger waren – ich bin Jahrgang 1985, also Neunziger und Zweitausender, Spice Girls und Girl Power hin oder her – war Feminismus super negativ konnotiert. Vor der Mutterschaft hätte ich mich nie so bezeichnet. So eine bin ich nicht, dachte ich, denn ich rasiere mich, schminke mich gern, mag Männer. Dabei ist Feminismus nichts weiter, als dafür einzustehen, dass alle Menschen die gleichen Rechte bekommen, egal welches Geschlecht, welche Herkunft, Hautfarbe, Körperform oder sexuelle Orientierung. Wenn du das nicht willst, bist du ein Menschenfeind. Wenn du kein Menschenfeind bist, bist du zwangsläufig Feminist oder Feministin. Ich fände es schön, wenn dieser Begriff endlich aus der negativen Ecke herausgehoben würde. Aber das ist natürlich patriarchale Zielsetzung: die Begrifflichkeiten so zu framen, dass sich niemand damit identifizieren will. So schreitet es über Generationen voran, dass junge Frauen sich nicht als Feministinnen bezeichnen, weil sie denken, das würde bedeuten, sie müssten Männer hassen und dürften sich nicht mehr rasieren.

Und was würde es für patriarchal geprägte Männer bedeuten, wenn sie sich als Feministen bezeichnen und Frauen wirklich unterstützen würden? Da müsste ja erst ein komplett neues Verständnis entstehen, sie müssten sich selbst beschneiden, was Rechte und Macht betrifft. Wie soll das funktionieren? Das fängt im Kleinen an, in der Familie, und hört in der Politik nicht auf.
Genau, und gleichzeitig würden Männer sehr viel dazugewinnen, wenn sie sich als Feministen verstehen und diese Selbstreflexion angehen würden. Einerseits ist das schmerzhaft: „Ah ja, okay, meine Karriere habe ich wahrscheinlich auch auf dem Rücken meiner Ehefrau aufgebaut, weil sie zu Hause geblieben ist. Ohne ihre Care-Arbeit hätte ich das gar nicht so vollziehen können. Wahrscheinlich wurde ich nicht nur wegen meiner fachlichen Kompetenz befördert, sondern auch, weil ich ein Mann bin – im Grunde eine Männerquote.“ Viele Männer sind letztlich Quotenmänner. Macht abzugeben tut weh, das werden viele nicht wollen, das wird mit Kämpfen einhergehen und mit Gesetzen, die per Zwang eingeführt werden müssen, so wie Quoten, weil freiwillig niemand seine Macht abgibt. Das treibt mich auch persönlich um, ich habe selbst einen Sohn und eine Tochter. Mich beschäftigt, wie es Eltern gehen wird, deren Söhne im Teenageralter anfangen zu hinterfragen: Warte mal, jetzt sollen an allem Übel der Welt Männer schuld sein, und ich soll einfach auch so ein Mann werden? Diese Frage hat mich sehr umgetrieben: Wie vermittle ich meinem Sohn patriarchale Strukturen so, dass er sich davon nicht angegriffen fühlt, sondern den inneren Drang entwickelt, sie abzubauen.

Und zu welchem Ergebnis bist du gekommen?
Es ist möglich, indem man Jungs nicht nur erzählt, was sie nicht mehr dürfen – Frauen nicht mehr hinterherpfeifen, sie beim Tanzen nicht ungefragt anfassen, keine Karriere auf ihrem Rücken aufbauen – alles wichtig und richtig, und trotzdem müssen wir gleichzeitig zeigen, was sie gewinnen: Ihr dürft weinen, ihr dürft Disney-Filme, Musicals und Ballett mögen, wenn ihr wollt. Ihr dürft mit euren Kumpels kuscheln, über Gefühle sprechen, sie benennen. Ihr müsst euch nicht immer kloppen, ihr dürft euch in den Arm nehmen, ohne Angst, dass ihr dann als „schwul“ geltet und wie homofeindlich diese Sichtweise eigentlich ist. Und später als Männer: Ihr dürft mit eurem Baby zu Hause bleiben, Hausmann sein, Elternzeit nehmen, ihr müsst nicht allein die finanzielle Last tragen. Das ist mega entlastend. Solche Gespräche habe ich früh mit meinem Sohn geführt, schon im Kindergartenalter. Ich habe angefangen, nicht nur den Zeigefinger zu heben – in deinen Büchern sind kaum Mädchen, im Film ist das Mädchen immer die Prinzessin, die gerettet werden muss –, sondern auch mal gefragt: Ist es nicht auch doof, dass der Prinz sich immer in Gefahr bringen muss, um die Prinzessin zu retten? Da hat es bei ihm richtig geklickt. Er meinte: Ja, voll blöd. Warum kann er nicht einfach im Schloss chillen und warten, bis die Prinzessin kommt und ihn rettet?

Wie schön!
Als dann seine Schwester geboren wurde, ging es darum, wer zu Hause bleibt, wer die Stunden reduziert. Mein Mann und ich haben uns die Care-Arbeit wirklich Hälfte-Hälfte aufgeteilt. Aber dann tauchen in den Kinderbüchern immer wieder dasselbe Klischee auf: Conni geht erst mit drei in den Kindergarten, und wer bleibt bei ihr zu Hause? Mama. Bei Bobo Siebenschläfer ist es immer Mama, die mit ihm einkaufen geht.

Wer macht was zu Hause und wer zahlt dafür

Feminismus bedeutet ja nicht, dass es falsch ist, wenn eine Frau drei Jahre zu Hause bleiben will. Nur sollte es eben nicht vorausgesetzt werden oder als Schwäche gelten, wenn der Mann es macht. Man sollte das Thema auf Augenhöhe behandeln, oder?
Ja, genau. Wenn Frauen zu Hause bleiben wollen: gerne, macht das, wie ihr wollt. Aber man darf nicht sämtliche Serien, Filme, Bücher darauf auslegen, dass natürlich die Frau zu Hause bleibt und der Mann „weichei-mäßig“ wirkt, wenn er es tut. Und selbst wenn Familien sich entscheiden, das klassisch zu leben – be my guest, who am I to judge. Aber dann müssen wir als Gesellschaft ein System entwickeln, in dem Frauen dafür finanziell ausgeglichen werden: für die Karrierepause, für die Rentenlücke. Aktuell sehen wir das nicht. Sobald Mutterschaft im Lebenslauf steht, greifen sämtliche Gaps: Gender Pay Gap, Gender Pension Gap, Gender Lifetime Earnings Gap. Untersuchungen belegen, dass eine Frau mit Kindern im Schnitt eine Million Euro weniger im Leben erwirtschaftet als ein Mann mit Kindern.

Welchen Tipp würdest du Frauen geben, die das in ihrem Leben angehen wollen?
Das ist kein einfaches Thema – zumal jede dritte bis vierte Frau in ihrer Beziehung irgendeine Form von Gewalt erlebt: psychisch, physisch oder finanziell. Es muss nicht gleich der Schlag ins Gesicht sein, es beginnt subtiler. Dann ist es sehr schwer, diesen Frauen zu raten, einen Ehevertrag auszuhandeln, der die Care-Arbeit im Trennungsfall ausgleicht. Meine Tipps sind wirklich nur für einen kleinen Kreis an Beziehungen umsetzbar, solche auf Augenhöhe, ohne jede Gefahr. Denen würde ich raten: Sprecht mit euren Partnern, und zwar am besten, bevor ihr schwanger seid. Danach ist es viel schwerer, die Pfade zu verlassen, die man schon eingeschlagen hat. Wer beantragt Elternzeit, wer reduziert, wer kündigt vielleicht sogar den Job? Diese Gespräche gehören schon vor die Familienplanung. Noch ein wichtiger Punkt: Auch wenn man sich klassischerweise entscheidet, dass die Frau in Elternzeit geht, sollte man immer den Satz ergänzen: Okay, aber wann wechseln wir? Wann bist du als Vater dran?

Es gibt aber Männer, die sagen: Ich bin selbstständig, das geht bei mir nicht, ich werde von morgens bis abends gebraucht. Oder: Ich bin in einer leitenden Position, das geht nicht.
Witzigerweise heißt es bei Männern in Führungspositionen oder Selbstständigkeit immer: Das geht bei ihm nicht. Bei einer Frau in derselben Position heißt es plötzlich: Ah, das ist doch super easy, dann kann sie ja selbst entscheiden. Die Argumentation dahinter heißt Gender-Swap: Wenn du eine Frau wärst, in dieser leitenden Position, schwanger – würde wirklich jemand sagen, du kannst auf keinen Fall in Elternzeit gehen? Es ist bei Männern leichter möglich, zu sagen: Ich gehe nicht in Elternzeit. Sobald es eine Frau ist, ist es plötzlich ganz selbstverständlich, dass sie geht. Genau da muss man wütend werden und klar sagen: So funktioniert es nicht, ich will das gerecht geteilt haben. Das Problem ist: Frauen müssen dabei nicht nur für sich selbst eintreten, sie bekommen auch viel Gegenwind, nämlich vom Partner, von Freundinnen, von den eigenen Eltern und Schwiegereltern, im Beruf oder auch mal aus Kita oder Schule. Es ist leider viel leichter, das auf dem Papier umzusetzen als in der Praxis. Aber es führt kein Weg daran vorbei. Also müssen wir diese Kämpfe kämpfen und uns Freundinnen suchen, die dieselben Kämpfe führen, damit wir wissen, dass wir nicht allein sind.

Alexandra Zykunov mit lockigem Haar, rotem Lippenstift und floral gemusterter Jacke vor dunklem Hintergrund
Foto: Hans Scherhaufer

Ausgleichende Ungleichbehandlung

In einem Kapitel deines Buches geht es darum, dass du deine Kinder bewusst nicht gleich behandelst, um Ungleichheit auszugleichen. Das klingt erst mal paradox. Wie erklärst du das?
Ich dachte anfangs, dieses Kapitel sei zu offensichtlich, um jemanden zu interessieren. Aber ja, es klingt paradox: Wenn ich meine Kinder gleichberechtigt erziehe, warum sollte ich sie dann ungleich behandeln? Aber irgendwann ist mir aufgegangen: Meine Kinder werden von außen längst ungleich sozialisiert – durch Kinderbücher, in denen Mama putzt und Papa rettet, durch Studien, die zeigen, dass Mädchen viel häufiger zur Care-Arbeit herangezogen werden. Also muss ich gegensteuern: Meinen Sohn binde ich bewusst stärker in den Haushalt ein als meine Tochter, auch wenn er protestiert, es sei unfair.

Das kenne ich gut – auch von mir selbst. Zum Beispiel beim Haushalt: Eigentlich müsste ich meinen Sohn noch stärker einbeziehen als meine Tochter. Und tatsächlich überrasche ich mich selbst dabei, dass ich ihr viel schneller sage, sie solle die Spülmaschine ausräumen, als ihm.
Genau – und wir sind alle so sozialisiert, das ist kein gefühltes, sondern ein durch Studien belegtes Ungleichgewicht. Mädchen werden schon im Kindergarten- und Grundschulalter viel häufiger dazu aufgefordert, Care-Arbeit zu leisten: den Tisch abzuräumen, zu kochen, bei Familienfeiern zu helfen, auf kleinere Geschwister aufzupassen. Wenn man diese Unterschiede kennt und bei sich selbst erkennt, sollte man aktiv gegensteuern: Söhne nicht nur gleich viel, sondern bewusst mehr einbinden. Ich habe da Streit mit meinem Sohn, das schreibe ich auch im Buch: Er findet es unfair, dass er mehr im Haushalt machen muss, nur weil er ein Junge ist. Ich sage ihm dann: Ich weiß, das fühlt sich ungerecht an, aber ich bin die Einzige, die dich jetzt dazu anhält. Später, in einer eigenen Beziehung, wirst du das sonst nicht können, und du wirst deswegen Streit mit deiner Partnerin haben (falls du in einer Heterobeziehung sein wirst). Glaub mir: Lieber jetzt Streit mit mir, als später in der WG oder Partnerschaft. Bei meiner Tochter ist es umgekehrt: Wenn sie mit mir verhandelt und andere Vorschläge macht, beim späten Aufbleiben etwa oder bei der Medienzeit, bestärke ich sie aktiv darin, weil Mädchen später oft hören, sie könnten sich nicht gut durchsetzen. Genau das meine ich mit Ungleichbehandlung.

Körper, Pubertät und Schutzauftrag

Meine Tochter ist vierzehn, und was sie täglich an Beauty-Routine betreibt, lässt mir manchmal die Haare zu Berge stehen. Wie schützt man die Tochter, ohne sie einzuschränken?
Das ist ein Balanceakt. Ich habe meine Tochter schon früh darauf vorbereitet, dass Kleidung oder Schminke einerseits Spaß machen, andererseits Kommentare und Pfiffe von fremden Männern einbringen können, die niemals ihre Schuld sind. Warum eigentlich muss sich unsere Tochter anpassen, nur weil irgendein widerlicher vierzigjähriger Mann eine Dreizehnjährige sexualisiert? Ich bespreche das kindgerecht, aber konsequent mit meinem Kind und bespreche mit ihr, wie sie reagieren kann, wenn es passiert. Denn es wird passieren. Solche Gespräche habe ich mit meiner Tochter schon mit sieben Jahren geführt – eigentlich früher, als mir lieb war. Aber als sie in der ersten Klasse war, warnten Polizei und Schulleitung, dass in unserem Viertel ein Mann Kinder anspricht. Wie erklärt man einer Siebenjährigen, ohne ihr Angst zu machen, aber klar genug, dass da eine Gefahr ist? So musste ich ihr und auch ihrem Bruder früh erklären, was sexualisierte Gewalt und was Sex ist: dass Sex immer einvernehmlich ist, beide zustimmen müssen und jeder zu jeder Zeit aufhören darf, und dass sexualisierte Gewalt beginnt, wenn diese Dinge nicht befolgt werden. Solche Gespräche sollte man zwar nicht ausufern lassen, sondern nur so viel beantworten, wie Kinder wissen wollen. Aber man muss sie früh führen. Denn im Teenageralter haben viele Kinder längst Pornos gesehen oder vielleicht sogar sexuelle Belästigung oder Grooming erfahren, ohne zu verstehen, was sie da sehen oder erleben. Sexual- und Medienpädagoginnen sagen zudem: Je höher die Wärme der Erziehung, desto höher die Medienkritikfähigkeit der Kinder. Der Dialog mit den Eltern ist der wichtigste Schutzfaktor überhaupt.

Väter, Vorbilder und Hoffnung

Was, wenn der eigene Partner ganz anders tickt, selbst ein Patriarch ist? Dann liegt es ja an mir als Mutter, das aufzufangen. Und kleine Jungs orientieren sich ab einem gewissen Alter nun mal auch am Vater.
Das ist eine Sorge, die viele Mütter umtreibt, und meine Recherche hat mich sehr entlastet. Solange Kinder in einem einigermaßen sicheren, gewaltfreien Zuhause aufwachsen, ist der Einfluss der Eltern auf die Medien-Resilienz der Kinder größer als der von Social Media selbst. Wenn wir unseren Kindern vermittelt haben, deine Stimme ist wertvoll, du musst nicht blind gehorchen, du darfst selbst entscheiden – dann werden sie, wenn sie später auf sexistische oder pornografische Inhalte treffen, geschult sein, das nicht blind zu schlucken. Und der Mythos, Jungs bräuchten unbedingt ein männliches Vorbild, um gute Männer zu werden, ist ein patriarchaler Trugschluss, dafür gibt es keine Belege, sonst müssten ja alle Söhne von Alleinerziehenden oder Witwen psychisch labil aufwachsen. Wenn mein Sohn einen sexistischen Spruch seines Vaters wiederholt, sage ich ihm klar: Du musst nicht alles kopieren, nur weil ihr beide einen Penis habt. Ich kann genauso ein Vorbild sein, und meistens sind wir Mütter ohnehin die engste Bezugsperson und haben da sogar mehr Einfluss auf die Wertevermittlung als die Väter, zumindest wenn keine Gewalt in der Familie herrscht.Auch beim politischen Gender Gap zwischen progressiven Müttern und konservativeren Vätern hilft dieselbe Erkenntnis: Wenn Kinder erleben, dass Mama und Papa unterschiedliche Werte leben dürfen, ohne dass eine Seite Angst haben muss, die Liebe der Eltern zu verlieren, dürfen sie sich frei entscheiden, wohin sie sich entwickeln. Und weil wir Mütter über Generationen die engste Bezugsperson waren, dürfen wir jetzt, nach all den anstrengenden Jahren, die feministischen Lorbeeren dafür ernten.

Sind die Männer, die wir heute in unserer Umgebung haben, im Grunde das Ergebnis unserer Frauenerziehung?
Ja und nein. Unsere eigenen Partner oder Ehemänner sind in noch viel patriarchaleren, oft gewaltvolleren Verhältnissen großgeworden, in denen Mütter sich kaum entgegenstellen konnten – wir reden von den Siebzigern bis Achtzigern, als das Wort Feminismus entweder kaum existierte oder sehr negativ konnotiert war. Die Bücher und die Popkultur dieser Zeit waren ja auch noch viel unreflektierter, sexistisch und extrem undivers. Unsere Kinder hingegen erleben, selbst wenn ein Elternteil patriarchal sozialisiert ist, eine Mutter, die sich traut, Feminismus zu leben und dafür auch mit dem Vater in Konflikt zu gehen. Das ist ein großer Unterschied zu dem, was unsere Männer als Kinder erlebt haben.

Das ist tröstlich.
Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich mir selbst die Frage gestellt habe, ob das alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Die Recherche hat mir aber gezeigt: Der Tropfen höhlt viel eher den Stein. Der Einfluss von uns Eltern ist größer als der von außen. Das macht mir sehr große Hoffnung.

Die Vierzig-Stunden-Woche und die Care-Arbeit

Du schreibst, dass Vierzig-Stunden-Woche, Haushalt, Care-Arbeit und obendrauf noch feministische Erziehung nach Feierabend schlicht mathematisch nicht aufgehen. Was meinst du damit?
Der Vierzig-Stunden-Tag stammt aus einer Zeit, in der nur der Mann arbeiten musste, während die Partnerin permanent Haushalt und Kinder schmiss. Heute arbeiten beide vierzig Stunden und trotzdem soll noch Erziehung, Haushalt, Pflege von Angehörigen und nebenbei die Weltrettung passieren. Das ist unmöglich! Die Logik müsste heute für zwei Personen bedeuten: Jeder arbeitet zwanzig Stunden, den Rest teilen wir uns gleich auf.

Aber das geht finanziell doch gar nicht mehr auf.
Genau, aber dafür bräuchte es Gesetze: Care-Arbeit müsste endlich staatlich vergütet werden, damit Eltern oder pflegende Angehörige ihre Stunden reduzieren können, ohne finanziell abgestraft zu werden – eine Art Care-Arbeitsgeld. Ohne Care-Arbeit wären Kapitalismus und Wohlstand gar nicht möglich, trotzdem wird sie aus jeder Rechnung herausgekürzt. Das sind politische Debatten, die aktuell nicht geführt werden, weil das leider alles Positionen sind, die eher links der Mitte verortet werden – Care-Arbeit bezahlen, Feminismus, Gleichstellung. Und solange wir eine konservative Regierung haben, werden wir diese Debatten nicht führen. Ich glaube trotzdem fest daran, dass wir dahin kommen, weil es nicht mehr zu ignorieren ist.

Ist es nicht seltsam, dass gerade Konservative erwarten, dass Frauen im Berufsleben nicht entlastet werden?
Nein, weil Konservatismus immer mit Kapitalismus einhergeht. Was Frauen zusätzlich am Arbeitsmarkt leisten, ist mehr Kapital – Kinder hingegen bringen keine Erträge, die schafft man eben in eine Kita, und das passt schon. Im Grunde ist das immer auch eine Systemfrage: Der Kapitalismus hat kein Interesse daran, Care-Arbeit zu bezahlen, weil sie in seinem Sinne keinen Wert hat. Es braucht eine Politik, die Erwerbsarbeitszeit neu definiert und Care-Arbeit endlich nicht mehr herausrechnet. Sonst landen wir bei vierzig Stunden Frau, vierzig Stunden Mann, und die Kinder oder auch pflegebedürftige Angehörige warten irgendwo, bis Mama und Papa abends nach Hause kommen. Und da sind Hobbys, Sport, Ehrenamt, Freunde treffen ja noch gar nicht mit drin. Das funktioniert nicht. Und ich glaube, dass wir diese Debatten bald führen werden müssen.

ZUR PERSON

Alexandra Zykunov, Jahrgang 1985, ist Journalistin und Bestseller-Autorin. Bekannt wurde sie als feministische Stimme auf Social Media, bevor sie ihr erstes Buch schrieb. Sie hat einen Sohn und eine Tochter und schreibt seither über Wut, feministische Erziehung und das Patriarchat. Laut, persönlich, ungefiltert.

Buchcover mit grünem Hintergrund und großem rosa Text 'Aber patriarchale Kackscheiße darf man schon sagen, oder?' sowie kleinem Foto einer Frau und gelbem Untertitel 'Bekenntnisse einer feministischen Mutter'
Alexandra Zykunov
ABER PATRIARCHALE KACKSCHEIßE DARF MAN SCHON SAGEN, ODER?
Ullstein Taschenbuch | 304 Seiten | 14,99 €

Klischeefrei erziehen, während Barbie, Fußballidole und TikTok den Alltag bestimmen? Alexandra Zykunov erzählt schonungslos ehrlich und mit ihrem typisch wütend-witzigen Ton, wie tief patriarchale Rollenbilder in Kinderzimmer, Schule und Gesellschaft stecken – und warum sich der Kampf dagegen trotzdem lohnt.

Das Interview führte Eva-Maria Rueter.