Veröffentlicht in

Eigenverantwortung im Mittelpunkt

Ingo Froböse mit blauer Steppjacke sitzt auf einer Metallbank in einer Halle mit grauen Wänden
Foto: Sebastian Bahr

INGO FROBÖSE ist stets in Diensten der Gesundheit unterwegs: Er hat den größten Gesundheitssportverein Deutschlands mitgegründet, produziert Podcasts und Videos zum Thema und hat im Januar das Buch Die Stimme unseres Körpers veröffentlicht. Darin erklärt er, wie wir wieder besser auf unseren Körper hören können. Warum wir das tun sollten und dass es sich lohnt, erzählt er im Interview.

Ingo, schaffst du es, dich an die Ratschläge deiner Bücher selbst zuhalten?
Ich glaube schon, dass ich ein gutes Mittelmaß habe. Ich habe zwar auch eine Gourmet-Gruppe, mit er ich durch die Gegend reise, und ich liebe Tiramisu und Schwarzwälder Kirsch, aber es ist immer eine Frage des Maßes. Auf der anderen Seite bin ich sehr diszipliniert und gehe bewusst mit mir um. Ich brauche keinen Dry January. Ich mache es so, wie es in meinen Lebenszyklus passt – abhängig von dem Bedarf, den ich gerade verspüre.

Dann musst du deinem Körpergefühl sehr vertrauen können.
Das ist glaube ich etwas, das ich vielen voraushabe: Ich habe eine hohe Sensibilität für mich und weiß genau, wo ich investieren sollte. Ich schlafe zum Beispiel gerne und gut. Ich würde niemals auch nur eine Sekunde meines Schlafs opfern, wenn ich es nicht muss. Ich schlafe jeden Tag neun Stunden.

Warum missachten wir Signale wie Müdigkeit häufig?
Wir haben uns selbst verloren. Das erkenne ich in Gesprächen mit Menschen, die sich dauernd fragen: Was kann ich noch messen? Welches Präparat sollte ich nehmen? Das ist alles Quatsch! Das ist ein Hinterherlaufen, das auf eine schnelle Lösung abzielt. Aber die einfachste Lösung ist, sich selbst wieder zuzuhören. Der Körper ist ein Wunderwerk, in dem stets Kommunikation herrscht. Die Stimmen unseres Körpers sind dafür da, dass unser Organismus funktioniert und wir leben können. Es gibt die lauten Stimmen, die uns schützen: Hunger, Durst, Schmerz. Und die Kommunikation, die leise geschieht, die sollten wir wieder lernen zu hören und zu verstehen. Das möchte ich den Menschen mit meinem Buch mitgeben.

Was sind diese leisen Stimmen?
Viele Menschen klagen über Sodbrennen, über Blähungen, einen Reizdarm, über Unruhe oder Müdigkeit. All das ist sehr präsent und trotzdem haben sie keine Lösung dafür. Oder die Lösung ist eine konsumorientierte. Sie kaufen sich eine Pille, sie gehen in einen Wochenendkurs. Aber sie
hinterfragen sich nicht selbst. Was mache ich falsch, dass diese Probleme auftreten?
Diese Eigenverantwortung möchte ich in den Mittelpunkt stellen.

Ingo Froböse steht mit Händen in den Hosentaschen vor Reihen von Sitzplätzen in einer Sportarena
Foto: Sebastian Bahr

Was ist mit dem Volksleiden Rückenschmerzen – gehört das auch zu den leisen Stimmen?
Rückenschmerzen sind zu 90 Prozent selbst verursacht. Da ist nichts kaputt, sondern wir verhalten uns falsch, weil wir beispielsweise jeden Tag eine halbe Stunde in die Frontpartie investieren und den Rücken
nur betrachten, wenn er ein Problem macht. Würde man eher zuhören, was der Rücken eigentlich braucht, dann würde das Problem gar nicht erst auftreten. Ich habe in meinem Leben bisher keine Rückenschmerzen gehabt und ich bin fast 70. Ich habe aber auch kontinuierlich zugehört, investiert und schließlich etwas getan.

Wir sollten also agieren, solange eine Stimme noch flüstert?
Genau! Wir dürfen nicht erst anfangen, wenn das Symptom schon da ist. Es kann doch nicht sein, dass laut Statistik elf Millionen Menschen in Deutschland aktuell Magensäurehemmer einnehmen. Und warum
machen die das? Weil sie eine zu hohe Magensäureproduktion haben. Wo mag die wohl herkommen? Vermutlich von falscher Ernährung. Aber wir schmeißen einfach Pantoprazol drauf, statt bei uns selbst anzufangen. Wir sollten uns wieder basischer ernähren, die Säure aus dem Körper bringen oder versuchen, den Stress loszuwerden.

Gibt es einfache Rituale oder Übungen, mit denen man sein Körpergefühl verbessern kann?
Atmung ist eine wichtige Größe, über die man sich kennenlernen kann. Ich glaube, dass wir eine intensive Belastung pro Tag brauchen. Der Puls muss einmal am Tag hoch- und wieder runterfahren. So erlebt man die Reaktion des Körpers auf Belastung. Viele Menschen bewegen sich aber nur noch in einem Herzfrequenzkorridor von etwa 10 bis 20 Schlägen. Ich würde außerdem Muskelspannungen spüren wollen: Du spannst an und lässt wieder los. So erlebst du Anspannung und Entspannung innerhalb des Körpers. Das ist ein wichtiger Lernfaktor. Man kann sich zudem im Spiegel beobachten:
Wie sieht meine Haltung aus? Ist sie zusammengekauert? Dann hast du emotional sicherlich keine positive Stimmung. Hast du aber eine offene und klare Art, dann bist du sicher in einer anderen Stimmungslage. Man kann umgekehrt also auch seine Haltung korrigieren, indem man darauf achtet, aufrecht zu gehen, mit klarem Blick nach außen.

»Der Körper ist ein Wunderwerk, in dem stets Kommunikation herrscht. Die Stimmen unseres Körpers sind dafür da, dass unser Organismus funktioniert und wir leben können.«

Durch gezielte Muskelarbeit kann man also auch seine Emotionen positiv beeinflussen?
Der Körper ist das Übersetzungsorgan von vielem. Emotionen werden beispielsweise von der Muskulatur übersetzt – in Verspannung, Entspannung oder Anspannung. Über Muskelarbeit kann man also Entspannung herbeiführen. Ein Tanz, ein lockerer und ruhiger, kann zum Beispiel dazu führen, dass man sich entspannt. Weil man dabei erstens nicht in der Lage ist, sich mit den ganzen dunklen Wolken des Alltags zu beschäftigen, und man zweitens durch die Muskelarbeit andere hormonelle Transmitter schafft, die glücklich machen und einen aus einer Depression bringen können.

Viele Leute arbeiten und verbringen acht Stunden oder mehr am Computer. Wie kann man davon am besten regenerieren?
Viele sitzen den ganzen Tag vor dem Computer und arbeiten, abends fallen sie auf die Couch, weil sie mental überfordert sind. Und dann schauen sie noch drei Netflix-Serien – darüber sollte man mal nachdenken! Das ist der gleiche Kanal, die gleiche Belastung. Das Gehirn kann nicht unterscheiden, ob es Statistiken oder Serien sind. Du kannst so morgens nicht frisch aufstehen, weil du die Belastung nicht unterbrochen hast. Wenn man ein bisschen reflektiert, kann man viele solcher Fehler im Alltag entdecken.

Ingo Froböse in dunklem Sakko lehnt an Treppengeländer mit orangefarbenen Glasfüllungen in modernem Gebäude
Foto: Sebastian Bahr

Welche weiteren sind das?
Man sollte wissen, was man am Abend essen muss, damit der Körper regenerieren kann und morgen wieder alles aufgebaut hat. Man muss dem Körper die Baustoffe geben, die er dafür benötigt. Die wichtigste Maßnahme, um leistungsfähig zu sein, ist die Körpertemperatur. Um gut zu regenerieren, musst du dich abkühlen. Man sollte am Abend zum Beispiel nicht so viele Kohlenhydrate essen, die halten unsere Temperatur hoch.

Wie ist es mit Sport am Abend?
Man muss etwa ein Grad kälter werden, um tief zu schlafen. Wer sich am Abend also für den Marathon vorbereitet oder intensives Muskeltraining macht, der schläft nicht, weil die Hitze im Körper ist. Sport sollte deshalb subjektiv unterfordernd stattfinden, man sollte ihn als schön erleben, dann führt er zu einem Verlust der Körpertemperatur. Man kann sich mechanisch abkühlen, aber vor allen Dingen sollte man sich nicht noch stressen.

»Die wichtigste Maßnahme, um leistungsfähig zu sein, ist die Körpertemperatur. Um gut zu regenerieren, musst du dich abkühlen. «

Inwieweit können Gesundheits-Apps, die Sportaktivitäten oder unseren Schlaf tracken, dabei helfen, unseren Körper besser zu verstehen?
Um sich ein bisschen einzustellen, können sie helfen. Grundsätzlich aber geht es ohne diese Hilfsmittel viel einfacher. Unsere Herz- und Atemfrequenzen sind schöne Stimmen des Körpers. Du spürst eine Belastung an der Herzfrequenz, die Körpertemperatur nimmt parallel zu, du atmest intensiv. Man kann sich
also wunderbar kontrollieren, indem man eine Woche lang morgens vor dem Aufstehen seine Ruheherzfrequenz misst. Wenn du dich mal nicht gut fühlst, misst du noch mal die Herzfrequenz. Die wird zwei bis vier Schläge höher als normal sein. So kannst du dich besser verstehen.

Wie könnte es sich gesellschaftlich auswirken, wenn wir wieder besser auf unsere Körper hören würden?
Wir wären gesünder und freudiger, hätten mehr Spaß am Leben, wenn wir uns nicht ständig mit unseren Krankheiten beschäftigen müssten. Ich glaube, die Menschen würden mit einem größeren Lächeln durch die Welt laufen, als es derzeit der Fall ist. Das Thema Krankheit ist zu einem normalen Medium geworden. Wir reden über Burnout, Übergewicht und Herzinfarkt. Ich würde mir einen anderen Duktus wünschen. Wir brauchen eine andere Kommunikation, eine Normalität der Gesundheit.

Ingo Froböse lehnt an einem Treppengeländer vor einer rot gestrichenen Wand
Foto: Sebastian Bahr

Zur Person

Prof. Dr. Ingo Froböse, geboren 1957 in Unna, ist emeritierter Universitätsprofessor an der Deutschen Sporthochschule Köln für das Fachgebiet Sport, Gesundheit und Prävention. Er veröffentlicht Bücher und Ratgeber, informiert auf YouTube (FormelFroböse) oder in Podcasts (Fit & gesund) und berät als Gesundheits- und Präventionsexperte den Bundestag sowie Krankenkassen.

Buchcover mit Titel 'Die Stimme unseres Körpers' von Prof. Dr. Ingo Froböse auf orangefarbenem Hintergrund
Prof. Dr. Ingo Froböse
DIE STIMME UNSERES KÖRPERS
Ullstein extra | 288 Seiten | 21,99€

Ingo Froböses Ratgeber vermittelt in sechs Kapiteln, wie wir die verschiedenen Signale unseres Körpers erkennen, entschlüsseln und gewinnbringend beachten können. Froböse erklärt wissenschaftlich fundiert und mit praktischen Tipps, wie man die Botschaften des Nervensystems erkennen und für ein gesundes Leben und Wohlbefinden richtig deuten kann.