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Louisa Dellert – „Frieden mit dem Körper“

Louisa Dellert mit schulterlangem blonden Haar trägt einen beigen Pullover und hält die Hände vor der Brust verschränkt
Foto: Lisa Pardey

Zu dick, zu dünn, zu faltig – wer kennt ihn nicht, den kritischen Blick in den Spiegel? Influencerin und Autorin LOUISA DELLERT verrät im Interview, wie wir uns von Schönheitsdruck, Social-Media-Hochglanz und inneren Bewertungen befreien können – und wie wir lernen, unserem Körper mehr Liebe entgegenzubringen, auch wenn er nicht perfekt ist.

Louisa, was ging dir durch den Kopf, als du heute vorm Spiegel standest?
Mein Blick in den Spiegel hat sich sehr verändert. Ich schaue zwar täglich hinein, aber inzwischen oft nur flüchtig. Früher war es ein bisschen wie bei Germany’s Next Topmodel: Gefühlt hat eine Jury zurückgeguckt, aber in Wirklichkeit war ich das selbst. Ich habe mich ständig bewertet: Sitzt der Pullover richtig? Sehe ich von der Seite dick aus? Wie liegen die Haare? Das ist heute teilweise immer noch so, aber ich bewerte mich nicht mehr so hart. Inzwischen achte ich eher darauf, ob der Hosenstall offen ist, oder ich noch Essen im Gesicht habe.

Wie hast du dich von den Kriterien in Sachen Schönheit befreit?
Nur weil ich ein Buch geschrieben habe, das den Titel Unshame trägt, bedeutet das nicht, dass ich mich plötzlich 24 Stunden am Tag ausschließlich toll finde. Erst gestern bei einem Fotoshooting dachte ich: Wenn die Kamera jetzt von oben auf mich gerichtet ist, habe ich dann ein Doppelkinn? Solche Gedanken sitzen tief in mir drin und ich glaube nicht, dass das jemals ganz weggeht. Aber ich frage mich heute eben nicht mehr, ob ich schön genug bin, sondern eher: Woher kommt das gerade, dass ich wieder so hart zu mir bin? Warum habe ich das Gefühl, mich über mein Äußeres definieren zu müssen? Mir diese Fragen zu stellen, hilft mir immer.

Du warst jahrelang Fitness-Influencerin, inzwischen setzt du dich für mentale Gesundheit, ein gesundes Körperbild und gegen übertriebene Schönheitsideale ein. Wann und warum hast du angefangen, das System, in dem du selbst erfolgreich warst, zu hinterfragen?
Dieser Punkt ist mir tatsächlich wichtig: Ich war wie alle Frauen Betroffene dieses Systems, aber gleichzeitig habe ich natürlich auch davon profitiert, als ich diesem Ideal nähergekommen bin. Dadurch habe ich jedoch eine Sportsucht und ein gestörtes Essverhalten entwickelt. Der Auslöser, das alles infrage zu stellen, war meine Herzoperation. Ich war damals untergewichtig, habe fast nur noch Sport gemacht und kaum gegessen. Mein Körper hat irgendwann einfach nicht mehr mitgemacht und ich bin beim Training ohnmächtig geworden. So stellte sich heraus, dass ich ein Loch in der Herzklappe hatte. Erst durch die OP und eine Therapie habe ich verstanden, wie lebensgefährlich das war, ständig dem extremen Dünnsein hinterherzujagen.

Nackte sitzende Louisa Dellert mit blonden Haaren und mehreren sichtbaren Tätowierungen auf Armen und Beinen vor weißer Wand und Holzboden
Foto: Lisa Pardey

Wie ging es weiter?
Ich habe irgendwann damit angefangen, nach dem „Warum“ zu fragen. Warum erwarte ich von mir dünn zu sein? Und warum ist es mir so wichtig? Einen zweiten Aha-Moment hatte ich letztes Jahr, als wir auf einer Hochzeit eingeladen waren. Ich stand im Schlafzimmer, um zu gucken, was ich anziehen könnte. Alles lag voller Klamotten, aber nichts hat gepasst und ich habe angefangen zu weinen, weil ich so überfordert war. Irgendwann dachte ich: Es ist krass, wie viel Zeit und Energie ich investiere, nur damit andere mich in einem Kleid schön finden. Es ging gar nicht darum, dass ich mich selbst wohlfühle.

Zu uns selbst sind wir oft härter als zu anderen.
Total. Das merke ich besonders, wenn ich meine Oma besuche. Ich würde niemals auf die Idee kommen, irgendeine Falte in ihrem Gesicht zu kritisieren. Bei mir selbst allerdings kann ich das sehr gut! Diese Scham, die wir uns früh aneignen und die Annahme, dass Weiblichkeit stark mit dem Aussehen verknüpft ist, führen dazu, dass wir viel strenger mit uns sind, als wir es je mit Menschen, die wir lieben, wären. Es ist mir total egal, ob meine Freundin Cellulite hat, wenn wir im Schwimmbad sind. Aber für meine eigene habe ich mich jahrelang geschämt. Es ist nicht einfach eine liebevolle Freundschaft zu seinem eigenen Körper zu entwickeln, aber es ist möglich.

Woher kommen diese Schönheitsideale und warum sind sie so tief in unseren Köpfen verankert?
Schönheitsideale gab es schon immer. Schon bei Kleopatra oder in anderen historischen Epochen wurde festgelegt, was als schön gilt und was nicht. Diese Ideale verändern sich zwar ständig, aber sie haben fast immer etwas mit Gesellschaft und Macht zu tun. Die US-Soziologin Sabrina Strings beschreibt darüber hinaus in ihrem Buch Fearing the Black Body, wie unser heutiges eurozentrisches Schönheitsideal, also weiß, schlank, jung und möglichst makellos, historisch eng mit Rassismus verknüpft ist, weil weiße Körper über Jahrhunderte als schöner und gesellschaftlich wertvoller dargestellt wurden als schwarze Körper.

Es ist wissenschaftlich belegt, dass schöne Menschen mehr verdienen.
Ja, der sogenannte Halo-Effekt. Wir müssen lernen, schöne Menschen nicht automatisch zu bevorzugen oder ihnen aufgrund ihres guten Aussehens direkt mehr Empathie und Kompetenz zuzuschreiben. Gleichzeitig darf man Frauen, die dem Schönheitsideal nahekommen, nicht dafür verurteilen. Auch diesen Effekt gibt es ja.

Ganz konkret: Was hilft gegen Bodyshaming, gerade wenn Kommentare aus dem Umfeld kommen?
Ich mache es inzwischen so, dass ich bei Kommentaren zum Aussehen – egal ob von Fremden oder aus dem Umfeld – zurückfrage: Warum beschäftigt dich mein Aussehen gerade so sehr? Das hat schon zu guten Gesprächen geführt. Oder zu kurzer Stille. (lacht) Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir uns in Zeiten von Social Media bewusst machen, dass dahinter oft eine Unsicherheit oder Unzufriedenheit der anderen Person steckt. Wir sollten versuchen, fremde Bewertungen nicht so nah an uns heranzulassen.

Louisa Dellert mit schulterlangem blonden Haar trägt einen hellen, grob gestrickten Pullover und hält eine Hand nahe am Kinn
Foto: Lisa Pardey

Social Media ist ein gutes Stichwort. Wir wissen rational, dass vieles inszeniert ist. Warum reicht dieses Wissen oft nicht aus und wir fühlen uns trotzdem schlecht?
Das kenne ich ja selbst: Ich erkläre anderen, wie Filter funktionieren oder dass nicht jeder Content das echte Leben zeigt – und trotzdem vergleiche ich mich manchmal mit genau diesen Inhalten. Das liegt daran, dass unser Gehirn ständig vergleicht. Soziale Medien triggern das extrem, weil sie sehr emotional funktionieren und Algorithmen uns genau das zeigen, was wir sehen wollen. Und dann ist es oft leichter, nach dem zustreben, was man woanders sieht, anstatt sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Eine Lösung habe ich dafür auch nicht. Wichtig ist, in solchen Momenten überhaupt zu merken: Ich vergleiche mich gerade wieder – und sich bewusst zu machen, dass das, was man sieht, nicht der Realität entspricht.

Welche Tipps hast du für den Umgang mit Unsicherheiten, gerade im Sommer?
Erst mal zulassen. Wie gesagt, auch ich fühle mich in meinem Körper nicht immer wohl. Für mich ist Selbstbewusstsein nichts, das einfach da ist, sondern etwas, das man trainiert. Zum Beispiel, indem man trotzdem mit dem Badeanzug ins Schwimmbad geht. Ich versuche, den Fokus dann zu verschieben und nicht darauf zu schauen, wie ich aussehe, sondern darauf, was der Moment mit mir macht. Das Wasser auf der Haut, das Abschalten nach einem stressigen Tag. Und ich halte mir vor Augen, wie viel Sommer mir flöten geht, wenn ich aus Angst davor, wie die anderen reagieren, nicht an den See gehe.

»Ich möchte in einer Welt, die immer künstlicher wird, so altern, wie es mein Körper für mich vorgesehen hat.«

Was bedeutet Schönheit für dich heute?
Wenn du mich gerade anlächelst, ist das für mich Schönheit. Wir leben in einer Zeit, in der wir oft gestresst sind, nur noch aufs Handy gucken und dadurch noch frustrierter sind. Für mich ist Schönheit, wenn wir freundlich zueinander sind.

Spielt das Älterwerden eine Rolle für deine Körperakzeptanz?
Eher in dem Sinne, dass ich merke, wie schnell das Leben an einem vorbeizieht. Ich will meine Zeit nicht damit verbringen, zu grübeln, ob meine eine Brust größer ist als die andere, sondern mit den Menschen um mich herum. Gleichzeitig werde ich auf Instagram ständig mit Botox- und Facelift- Content bombardiert oder bekomme Kooperationsanfragen von Schönheitskliniken. Da fühlt es sich manchmal wie ein kleiner Widerstand an, nichts zu machen. Das klingt jetzt wie ein Kalenderspruch, aber ich möchte in einer Welt, die immer künstlicher wird, so altern, wie es mein Körper für mich vorgesehen hat.

Du sagst in deinem Buch, dass du es für die kleine Lou, also für dein jüngeres Ich geschrieben hast. Was hättest du ihr mit deinem heutigen Wissen gerne mit auf den Weg gegeben?
Ich hätte ihr wahrscheinlich gesagt, dass sie im Schwimmbad die Pommes mit Mayo essen darf, ohne sich zu schämen, und in der Disco Schhe tragen soll, die bequem sind – und nicht die hohen, nur weil sie damit größer aussieht. Einfach weniger auf das Dauerrauschen hören und mehr auf sich selbst.

Louisa Dellert mit kurzen blonden Haaren sitzt seitlich auf dem Boden und umarmt die angewinkelten Beine vor einem hellen Hintergrund
Foto: Lisa Pardey

Louisa Dellerts Tipps für ein besseres Körpergefühl

Mehr Vielfalt ins Leben lassen:

Orte wie eine Frauensauna aufsuchen, um unterschiedliche Körper im echten Leben zu sehen und zu merken: Alle Menschen sind genau richtig, wie sie sind.

Den Körper funktional denken:

Wenn Unsicherheiten auftauchen, sich selbst kurz fragen: Was tut dieses Körperteil für mich? Anstatt es nur optisch zu bewerten.

Gegenbilder speichern:

Auf dem Handy ein Notfall-Album mit diversen, echten Frauen anlegen, um sich aus dem Social-Media-Vergleichsmodus bewusst rauszuholen.

Zur Person

Louisa Dellert, geboren 1989, ist Autorin, Moderatorin und Influencerin. Bekannt wurde sie mit Fitness- Content, heute setzt sie sich auf Social Media für Körperakzeptanz, Feminismus und einen kritischen Blick auf Schönheitsnormen ein. 2019 erschien ihr SPIEGEL-Bestseller Wir. Sie betreibt zudem das Buchcafé Sisu Lou in Braunschweig.

Nahaufnahme eines weiblichen Bauchs mit Hautfalten vor rosa Hintergrund mit dem Text 'LOUISA DELLERT', 'WIE WIR UNS VON IDEALEN BEFREIEN UND DEN WEIBLICHEN KÖRPER WERTSCHÄTZEN' und 'UNSHAME'
Louisa Dellert
UNSHAME – WIE WIR UNS VON IDEALEN BEFREIEN UND DEN WEIBLICHEN KÖRPER WERTSCHÄTZEN
ullstein allegria | 304 Seiten | 18,99 €

Ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen als ehemalige Fitness-Influencerin geht Louisa Dellert in Unshame der Frage nach, wie wir Frieden mit unserem Körper schließen können. Es geht um toxische Schönheitsideale und weibliche Scham, patriarchale Normen und Social-Media-Fallstricke.