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Sheila de Liz – „Lust entsteht auch im Gehirn“

Sheila de Liz mit langen, gewellten Haaren sitzt in einem Flur auf einer Stufe und trägt eine rosa Bluse und weiße Hose
Foto: Gaby Gerster

Im Gespräch zu ihrem neuen Buch Light my Fire erklärt SHEILA DE LIZ, warum weibliche Sexualität in der zweiten Lebenshälfte noch immer tabuisiert wird, welche Rolle das Hormon Testosteron spielt und deshalb Sex keine Altersgrenze haben sollte.

Sheila, dein Bestseller Woman on Fire hat das Thema Wechseljahre enttabuisiert. Ist Light my Fire die logische Fortsetzung?
Das könnte man so sagen. Seit Woman on Fire erschienen ist, habe ich gemerkt, wo die nächste große Lücke klafft: wenn es um die Sexualität der Frau geht. Die verschwindet nicht mit dem Alter, im Gegenteil, sie kann noch mal ganz andere Dimensionen annehmen. Das fand ich spannend und wusste: Das ist etwas, das erzählt werden muss!

Warum ist Sex im Midlife und darüber hinaus immer noch ein Tabuthema?
Weil wir Sexyness stark mit Jugend verbinden. Ich habe aber auch die Theorie, dass man für richtig guten Sex, der oft erst später im Leben kommt, nichts verkaufen kann. Es gibt keine Creme, keine Dessous und keine Schönheitsbehandlung, die guten Sex garantieren. Aber es ist nun mal so, dass die Menschen heute viel länger gesund und aktiv bleiben als frühere Generationen. Man hat eben nicht mit 60 die dritten Zähne und mit 50 Knie und Hüfte ersetzt. Da ist es doch nur logisch, dass man auch die Sexualität nicht an den Nagel hängen will oder muss.

Du schreibst: „Sex sollte man haben können, solange man will.“ Das impliziert, dass es oft gar nicht der Wille ist, an dem es scheitert?
Genau. Viele Frauen erleben einen schleichenden Libido-Verlust und nehmen das einfach hin, weil sie nicht wissen, dass es Lösungen gibt. Dazu kommen gesundheitliche Einschränkungen wie Schlaflosigkeit oder chronische Schmerzen. Wenn der Körper nur noch ums Überleben kämpft, bleibt Sexualität natürlich auf der Strecke. Viele Menschen geben Sex dann auf, so wie man irgendwann lieber den Aufzug nimmt als die Treppe. Aber das muss nicht sein.

Warum hören trotzdem so viele Frauen beim Arzt, dass es normal sei, mit zunehmendem Alter weniger Lust zu verspüren?
Weil viele Ärzte selbst nicht wissen, dass es Möglichkeiten gibt, und ungern über Themen sprechen, für die sie keine Lösung parat haben. Auch ich habe darüber früher nicht viel gewusst und wenn Patientinnen mir erzählten, dass sie wenig Libido spüren, habe ich gesagt: „Da können wir leider nichts machen.“

Und was sagst du heute?
Ich betrachte zuerst die Gesamtsituation: Wie war die Libido früher? Wie sieht das Leben insgesamt aus? Und natürlich schaue ich mir auch die Hormonwerte an. Wenn das Gesamtbild passt, schlage ich oft vor, Testosteron auszuprobieren. Die meisten Frauen sagen sofort, dass sie es damit versuchen möchten. Denn den allermeisten ist daran gelegen, ihre Sexualität zu erhalten.

Dr. med. Sheila de Liz mit langem, braunem Haar trägt weiße ärmellose Bluse und hält eine Hand mit lila Blume am Kopf
Dr. med. Sheila de Liz, US-amerikanische-deutsche Gynäkologin und Autorin // Foto: Gaby Gerster

Wie und warum kann Testosteron helfen?
Testosteron ist nicht nur ein Männerhormon, tatsächlich tragen es alle Menschen in sich. Es ist ein psychotropes Hormon, das heißt, es wirkt auf das Zentralnervensystem. Und sexuelle Lust entsteht auch im Gehirn. Wenn also Testosteron fehlt, ist es schwer, Lust zu entfachen. Das Thema wurde lange ignoriert, obwohl es schon seit den 20ern Forschung zu Testosteron gibt. Aber natürlich gibt es noch unzählige andere Gründe, keinen Sex haben zu wollen.

Wie genau entsteht denn Lust überhaupt?
Sofern die chemischen Voraussetzungen, sprich Testosteron vorhanden sind, entsteht Lust bei Frauen oft aus einem Kontext beziehungsweise einer Situation heraus – beispielsweise, wenn die Beziehung zufriedenstellt, der Tag gut gelaufen ist. Zweisamkeit, Innigkeit und emotionale Sicherheit spielen eine große Rolle. Wenn ständig Streit herrscht oder man sich mit dem Partner nicht wirklich verbunden fühlt, ist es eher unrealistisch, dass Lust entsteht.

»Für ein erfülltes Sexleben muss man bewusst dranbleiben.«

Und dann hilft auch kein Testosteron mehr?
Richtig, man muss es immer im Kontext sehen. Es gibt dazu verschiedene Theorien. Eine ist das Modell von Gas und Bremse: Alles, was wir antörnend finden, drückt aufs Gaspedal. Stress, Konflikte, Schmerzen oder Sorgen drücken auf die Bremse. Viele Frauen glauben, sie hätten zu wenig Gas, dabei haben sie oft einfach zu viel auf der Bremse.

Wie kann man sich die Lust zurückholen?
Zunächst einmal: Zu erwarten, in einer Langzeitbeziehung jeden Tag Lust aufeinander zu haben, ist unrealistisch. Sich so unter Druck zu setzen, ist auch nicht erstrebenswert. Aber natürlich möchte man sich sexy, begehrt und geliebt fühlen. Dafür muss man die Beziehung und Sexualität bewusst priorisieren und sich Zeit füreinander nehmen: sich berühren, umarmen, küssen – ohne, dass direkt eine sexuelle Absicht dahintersteckt. Viele Paare leben nur noch nebeneinanderher und scrollen abends am Handy. Für ein erfülltes Sexleben muss man bewusst dranbleiben.

Dr. med. Sheila de Liz mit langen braunen Haaren sitzt mit verschränkten Armen auf einem Stuhl vor rotem Hintergrund
Dr. med. Sheila de Liz, US-amerikanische-deutsche Gynäkologin und Autorin // Foto: Foto: Gaby Gerster

Wie sehr beeinflusst das gesellschaftliche Bild von Alter und Sexualität die Lust von Frauen?
Mehr als wir denken. Vor 50 Jahren hätten wir dieses Gespräch sicherlich nicht geführt. Ich nehme da immer gerne die Golden Girls als Beispiel: Dorothy Zbornak war glaube ich 50, als sie angefangen hat,
Rose zu spielen. Niemand würde doch heutzutage Salma Hayek oder Nicole Kidman als Seniorinnen casten! Ich glaube, das Narrativ der lustlosen älteren Frau verschwindet langsam. Ich könnte mir vorstellen, dass es in 20 Jahren total normal ist, mit 70 noch Sex zu haben.

Du zeichnest da ein sehr positives Bild. Dabei wird Sex im Alter oft noch als etwas Perverses dargestellt.
Ja, total absurd eigentlich. Ich glaube da ist viel alte Scham aus früheren Generationen im Spiel. Aber daran müssen wir uns ja nicht halten.

Wird Männern Sexualität im Alter eher zugestanden als Frauen?
Schon – weil man das eher kennt. Vom Ex-Fußball-Profi zum Beispiel, der mit einem deutlich jüngeren Model im Cabrio rumfährt. Wobei dieser schnittige ältere Herr, der sich jüngere Frauen schnappt, auch eine aussterbende Art ist, glaube ich. Aber trotzdem wird Frauen so etwas weniger zugestanden. Deswegen empfinden einige Light my Fire auch als Provokation. Weil Frauen plötzlich die Erlaubnis bekommen, ihre zweite Lebenshälfte selbst zu bestimmen. Frauen können sehr wohl Großmutter sein und gleichzeitig Interesse an ihrem Partner haben!

Warum ist Sex im Alter überhaupt wichtig?
Wir wissen aus physiologischer Sicht, dass Menschen, die weiterhin Sex haben, meistens auch gesünder sind. Die Entzündungswerte sind deutlich niedriger, was gut gegen Krebs, Bluthochdruck oder Demenz ist. Die Forschung hat sich lange auf Probleme konzentriert: Erektionsstörungen, Schmerzen, sexuelles Versagen. Kaum einer hat erforscht, was Sex Gutes mit sich bringt.

»Frauen können sehr wohl Großmutter sein und gleichzeitig Interesse an ihrem Partner haben!«

Du selbst bist 57 Jahre alt. Gelingt es dir, die Ratschläge aus deinem Buch umzusetzen?
Meistens ja. Aber ich bin ein Mensch wie jeder andere. Auch ich lerne mit jeder Forschungsarbeit, die ich lese, dazu. Ich habe Woman on Fire geschrieben, weil ich selbst damals in die Wechseljahre kam und merkte: Alles, was wir gelernt haben, stimmt nicht. Und genauso ging es mir in Bezug auf Sexualität im Midlife. Ich habe selbst lange gedacht, dass es normal sei, ab 48 keinen Sex mehr zu haben. Bis ich merkte: Das stimmt nicht! Heute sage ich, ich will 104 Jahre alt werden und bis 96 Sex haben. (lacht)

Ist das realistisch?
Ich hoffe! Zahlen gibt es dazu kaum, und Geschichten nur sporadisch. Vor uns liegt eine Generation, der jahrzehntelang eingeredet wurde, Hormone würden Krebs verursachen. Die Folgen sind oft Schmerzen, Inkontinenz oder Scheidenatrophie – vieles davon wäre vermeidbar. Ich glaube aber, dass meine Generation von diesen Erkenntnissen profitieren kann. Und wenn wir die Gesundheit der Vagina und die Libido aufrechterhalten, können wir durchaus mit 80 oder sogar 90 noch Sex haben. Vielleicht sind wir die erste Generation, die das ausprobiert und Wetten abschließt, wie lange wir Sex haben können – das wäre doch witzig!

Dr. med. Sheila de Liz mit langen, gewellten Haaren in weißer Bluse und weißer Hose lehnt an einer Tür, im Hintergrund eine Kommode mit Blumenstrauß
Foto: Gaby Gerster

Zur Person

Dr. med. Sheila de Liz, geboren 1969 in New Jersey, studierte Medizin und arbeitete bis 2025 in ihrer eigenen Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe in Wiesbaden. 2022 gründete sie die HormonOnlineKlinik. Sie veröffentlicht Sachbücher wie den Bestseller Woman on Fire und ist auf X auch als @doktorsexx bekannt.

Buchcover mit Porträt einer Frau mit langen braunen Haaren vor blauem Hintergrund, Titel 'Light my Fire', Autorin 'Dr. med. Sheila de Liz', Text 'Für den Sex deines Lebens' und rotem Aufkleber 'SPIEGEL Bestseller-Autorin'
Dr. med. Sheila de Liz
LIGHT MY FIRE
Rowohlt Polaris | 256 Seiten | 18,00 €

In ihrem neuen Buch Light my Fire – Für den Sex deines Lebens widmet sich Sheila de Liz der weiblichen Lust ab 50 Jahren. Offen und unterhaltsam erklärt sie, warum das sexuelle Verlangen nachlassen kann, welche Rolle Hormone spielen und weshalb erfüllte Sexualität keine Frage des Alters sein sollte.