Mit Labour hat Paris Paloma einen Nerv getroffen: Millionen Frauen hörten in ihrem Song über unbezahlte Care-Arbeit, patriarchale Erwartungen und die unsichtbare Last, die Frauen tragen, ihre eigene Geschichte. Auf ihrem zweiten Album The Fatal Flaw geht die britische Musikerin diesen Weg konsequent weiter. Ihr Lösungsansatz? Liebe!
Paris, hat der Erfolg von Labour verändert, wie du dich als Künstlerin siehst?
Ich habe versucht, mich nicht davon beeinflussen zu lassen. Ich wollte nie die Galionsfigur einer feministischen Bewegung sein. Ich finde es toll, dass Labour ein Protestsong geworden ist, aber ich habe einen Widerwillen dagegen, als politische Künstlerin bezeichnet zu werden. Und zwar nicht, weil ich apolitisch bin, sondern weil ich der Meinung bin, dass Themen wie Feminismus und Empathie nicht in eine politische Nische gehören. Das sind universelle Inhalte. Der Song hat Frauen dazu ermutigt, ihre Geschichten zu erzählen: von missbräuchlichen Beziehungen, häuslicher Gewalt, von Situationen, aus denen sie sich befreit haben, oder davon, wie sie begonnen haben, für sich selbst einzustehen. Dadurch ist eine große, feministische Gemeinschaft entstanden. Ich kann den Erfolg deshalb auch nicht für mich beanspruchen. Die Frauen, die ihre Geschichten geteilt und sich solidarisiert haben, waren ein wichtiger Teil davon.
Liebe ist das zentrale Thema deines neuen Albums. Was ist Liebe für dich?
Ich war beim Schreiben stark von bell hooks und ihrem Buch Alles über Liebe beeinflusst. Sie bezieht sich darin auf eine Definition von Erich Fromm: Liebe ist der Wille, sich selbst zum Wohle seiner selbst oder eines anderen Menschen zu erweitern. Das hat mich sehr berührt. Für mich bedeutet Liebe Expansion. Wenn du jemanden wirklich liebst und selbst wirklich geliebt wirst, wächst du als Mensch. Und das wollte ich auch mit den Songs zum Ausdruck bringen. Sie sollten gewaltig klingen.
Wo besteht derzeit ein besonders großer Mangel an Liebe?
Eigentlich überall. In unserer westlichen Kultur gibt es eine enorme Lieblosigkeit. Die Online-Welt schränkt unsere Empathie im echten Leben ein. Gleichzeitig fehlt uns Gemeinschaft. Wir haben kaum noch Räume, in denen Menschen zusammenkommen. Ein großes Problem ist auch die Kommunikation: Wir lernen nicht, wie man liebevoll miteinander spricht. Auch in Beziehungen fehlt es häufig an emotionaler Sicherheit – daran, ehrlich über seine Gefühle sprechen zu können, ohne dass sofort das Ego oder eine Konfrontation dazwischenkommt. Jeder gesellschaftliche Fortschritt muss meiner Meinung nach aus Liebe entstehen. Auch aus diesem Grund hat mich bell hooks so inspiriert. Sie war so eine visionäre Aktivistin. Sie hat kompromisslos über Feminismus geschrieben, dabei aber nie die Liebe, auch für Männer, aus den Augen verloren.

In Good Boy beleuchtest du das Patriarchat von einer eher ungewöhnlichen Perspektive, nämlich der männlichen.
Ich glaube, dass es für Jungen und Männer heute unglaublich einsam sein muss. Frauen haben zumindest gelernt, sich gegenseitig Gemeinschaft zu geben und dem Patriarchat zu widersprechen. Männer wurden dagegen kaum dazu ermutigt, liebevolle und bedeutungsvolle Beziehungen untereinander aufzubauen. Sie werden sozialisiert, Härte zu zeigen und Verletzlichkeit zu vermeiden. Das bereitet mir Sorgen – für Männer und für Frauen. Denn diese Unterdrückung von Gefühlen kann irgendwann in etwas viel Dunkleres umschlagen. Wir sehen die Folgen in Form von Misogynie und geschlechtsspezifischer Gewalt.
Du betonst aber auch, dass Männer selbst unter dem Patriarchat leiden.
Zu Labour habe ich oft Kommentare von jungen Männern bekommen, die dann darauf pochten, dass Frauen es doch nicht so schwer haben, während Männer beispielsweise für den Krieg eingezogen werden können oder oft extrem lange arbeiten müssen, um die Familie zu ernähren.
Zur Person
Paris Paloma, geboren 1999 in England, studierte Kunstgeschichte und feierte 2023 mit ihrer Single Labour den internationalen Durchbruch. Ihre Musik verbindet Folk, Pop und Indie mit tiefgründigen, oft feministischen Texten und mythologischen Einflüssen. 2024 erschien ihr Debütalbum Cacophony.

THE FATAL FLAW
Auf The Fatal Flaw verhandelt Paris Paloma große, gesellschaftliche Fragen, ohne eine Lösung parat zu haben. Ihre Gedanken, verpackt in präzise Lyrics, treffen auf wuchtige, treibende Popmusik, der ihre große Gestik äußerst gut zu Gesicht steht.

